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Marktbericht – Gastbeitrag von Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Netfonds AG

Krisen hin oder her, Aktien reüssieren, Öl, Gold, Silber und Bitcoin schwach

Das 2. Quartal 2026 zeichnete sich durch einen unterschwelligen Optimismus an den Finanzmärkten aus. Er unterstellt, dass die stark belastenden Folgen des Irankriegs in den Sektoren Energie, Ernährung (Dünger) und Industrie (u.a. Helium, Aluminium) nur temporäre Phänomene sein werden. Messbar war diese Haltung daran, dass belastende Nachrichtenlagen ob des Irankriegs nur kurzfristig Wirkung zeigten, positive Meldungen jedoch nachhaltiger diskontiert wurden. Die Eskalation des Ukrainekriegs im Laufe des 2. Quartals 2026 fand keine nennenswerte Bewertung.

In diesem Umfeld ergab sich eine im Verlauf zunehmende und solide Risikobereitschaft an den Finanzmärkten. Sie wurde insbesondere flankiert von fallenden Ölpreisen. Stand die Ölsorte Brent noch zu Beginn des Quartals bei 101 USD pro Fass, stellte sich im Verlauf unter Schwankungen ein Rückgang auf rund 73 USD zum Abschluss des Quartals ein. Zum Ende des Quartals bewegten sich die Ölpreise unterhalb des Niveaus vor dem Beginn des Irankriegs (Ölsorte Brent 77 USD am 28. Februar 2026).

Das Bild zeigt die Entwicklung des Brent-Ölpreis ab Januar 2026 an

© Reuters

Entsprechend nahmen die Inflationssorgen im Verlauf des Quartals ab. Zinserhöhungs- als auch Inflationserwartungen, beispielsweise im Rahmen der EZB-Umfrage, waren nach Anstiegen zuvor rückläufig. In dem Kontext gaben Wirtschaftssorgen nach. Aufkeimende Konjunkturzuversicht bestimmte das Bild im Verlauf des Quartals.

Aktienmärkte ex Honkong legten zu. So stieg der MSCI World im Quartalsvergleich um mehr als 13 %. Die Amplituden der Anstiege variierten stark. Der japanische Aktienmarkt brachte es auf mehr als 37 %, der indische Markt konnte nur gut 6 % zulegen, wogegen Hongkongs Hangseng Index um mehr als 7 % nachgab. Die unterschiedlichen Amplituden reflektieren in Teilen die vor Ort getroffenen Wirtschaftsstrukturmaßnahmen. Dabei spielt die Fragestellung, welche Region oder welches Land an der 4. Industriellen Revolution partizipiert, mindestens unterschwellig eine Rolle.

Nicht korrelierte Anlageklassen verloren im Verlauf des Monats signifikant an Boden, allen voran Silber gefolgt von Gold und Bitcoin. Die Anleihemärkte waren überwiegend leicht entspannt. Davon losgelöst bewegen sich die Renditen weiter auf hohen und systemisch riskanten Niveaus.

Der World Economic Outlook des IWF, der in der ersten Hälfte April veröffentlicht wurde, stand unter dem frischen Eindruck des Irankriegs. Dennoch waren die negativen Anpassungen ob des globalen Wachstums überschaubar. Die Erhöhung des Welt-BIP Prognose per Januar 2026 von 3,1 % auf 3,3 % wurde zurückgenommen. Ergo liegt die Prognose wieder bei 3,1 %. Die Prognose für die Industrienationen wurde seitens des IWF bei 1,8 % beibehalten, dagegen wurde die Prognose für den Globalen Süden von 4,2 % auf 3,9 % reduziert, da dort die energetische Abhängigkeit von den Golfstaaten und damit den Folgen des Irankriegs ausgeprägter ist. Die Prognose der USA wurde um 0,1 % auf 2,3 % reduziert, die der Eurozone um 0,2 % auf 1,1 % und die Deutschlands um 0,3 % auf 0,8 %.

Unter Zugrundelegung der aktuellen Einkaufsmanagerindices (Sentiment-Indikatoren, Frühindikatoren, Scheidewert zwischen Wachstum und Kontraktion 50 Punkte) als Bewertungsmaßstab ergibt sich in der westlichen Welt zum Ende des 2. Quartals 2026 ein heterogenes Gesamtbild. Japan führt mit 52,5 Punkten im gesamtwirtschaftlichen Zuschnitt (Composite Index, vorläufige Werte per Juni) bezüglich der westlichen Industrienationen oder Industrieregionen, gefolgt von den USA mit 52,2 Zählern. Anders sieht es in Europa aus. Der Index der Eurozone impliziert mit 49,5 Punkten Kontraktion der Wirtschaftsleistung, gleiches gilt für das UK mit 49,4 Zählern. Deutschland mit 48,0 Punkten als auch Frankreich mit 47,6 Zählern stehen unter noch stärkerem Druck.  Unter den bedeutenden Wirtschaftsnationen der Welt rangiert Indien weiter auf dem ersten Rang mit 57,4 Punkten. Chinas Composite Index stellte sich auf 50,6 Zähler.

Die Inflationsentwicklungen lieferten im 2. Quartal 2026 in den ersten zwei Monaten zum Teil deutliche Anstiege. Das galt stärker für die Erzeugerpreise als die Verbraucherpreise. Mit der Entspannung bei den Ölpreisen um circa 29 % (Brent) stellte sich dann weit überwiegend per Juni ein milderes Preisklima ein. Bei den Erdgaspreisen ergab sich in Europa ein Rückgang (TTF) um circa 14 % im Quartalsvergleich, in den USA dagegen ein Anstieg um rund 10 %.

Bei Industriemetallen stellte sich ein uneinheitliches Bild der Preisentwicklungen ein. Während Kupferpreise im Quartalsvergleich auf USD-Basis um rund 8 % zulegten, kam es bei Nickel zu einem Rückgang auf USD-Basis um gut 4 %. Bei Aluminium (energieintensive Produktion) kam es auf USD-Basis zu einem Minus in Höhe von circa 11 %.

Das Bild bei Verbraucherpreisen ist unvollständig, da überwiegend Daten für Juni nicht verfügbar sind. Die Daten der Eurozone und Deutschlands per Juni wiesen in Richtung Entspannung im Einklang mit rückläufigen Energiepreisen. Der Rückgang in der Eurozone fiel stärker als erwartet aus. Gleiches gilt für Deutschland.

LänderAktuell verfügbarer WertMonat März 2026
USA:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
4,2 % (Mai)
6,5% (Mai)
3,3 %
4,0 %
Eurozone:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
2,8 % (Juni Erstschätzung)
4,9 % April
2,6 %
2,1 %
Deutschland:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
2,4 % (Juni Erstschätzung)
2,2 % (Mai)
2,8 %
-0,2 %
UK:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
2,8 % (Mai)
8,7 % (Mai)
3,3 %
5,4 %
China:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
1,2 % (Mai)
3,9 % (Mai)
1,0 %
0,5 %
Tabelle 1: Entwicklung der Verbraucher- und Erzeugerpreise

Das 2. Quartal 2026 war bezüglich der Zentralbankpolitik von unterschiedlichen Aktivitäten geprägt. Im Verlauf des Quartals wurden die Märkte auf eine Zinserhöhung seitens der EZB vorbereitet, die dann auch mit einer Erhöhung um 0,25 % im Juni geliefert wurde. Der Anlagezins liegt nun bei 2,25 %. Ebenso wurde der Leitzins in Japan im Juni erwartungsgemäß um 0,25 % auf jetzt 1,00 % erhöht. Dagegen nahmen die Bank of England (Leitzins 3,75 %) als auch die Federal Reserve (Fed Funds Zielrate 3,50 % – 3,75 %) zunächst eine abwartende Haltung ein. Der neue Fed-Chef Warsh setzte unerwartete Akzente, indem er die „Forward Guidance“ (= „Vollkaskoversicherung“ für Marktteilnehmer) einstellte und sich unerwartet stärker der Stabilitätspolitik verpflichtet sieht.

Fazit: Die Weltwirtschaft verlor im Zuge des Irankriegs leicht an Dynamik, messbar an den Einkaufsmanagerindices für die Gesamtwirtschaft. Die Schwäche ist insbesondere in Europa messbar. Japan, China und die USA heben sich positiv ab.

Das Thema 4. Industrielle Revolution (KI, Robotik) kommt immer stärker in den Fokus. Japan kündigte ein 2,3 Billionen schweres Investitionsprogramm bis 2040 an. Südkorea stellte ein 570 Mrd. USD-Programm auf. Die USA sind bei dem Aufbau dieses Sektors dominant. Gleiches gilt für China. Europa fällt ob des Wettbewerbs um Zukunftsfähigkeit wegen verfehlter Energiepolitik und mangelnder Interessenorientiertheit deutlich zurück.

Die Konjunkturverläufe zwischen den Wirtschaftsräumen des Westens und des Globalen Südens blieben und bleiben losgelöst von den aktuellen Krisenherden grundsätzlich pro Globalem Süden ausgerichtet.

Weiter gilt: Während sich der „Globale Süden“ untereinander fortgesetzt globalisiert und organisiert, Effizienzen erhöht und Wachstumspotentiale generiert, läuft der „Westen“, allen voran Europa, das Risiko durch Abgrenzungspolitik und zusätzlich durch die Akzeptanz des „US-Zolldiktats“ und Verweigerung überfälliger Reformen unterproportional zu wachsen. Das bis Mai 2026 verschärfte Inflationsbild weicht einem Szenario verminderter Preisanstiege. Das Thema Zinssenkungsszenarien ist ob der Unsicherheiten zunächst tabu. 

Die Perspektive: Geopolitische Risiken bleiben markant, Märkte zu zuversichtlich?

Die von den USA ausgehenden Friedensinitiativen im Irankrieg sind in einem historischen Kontext bemerkenswert, insbesondere weil die USA und Israel den Irankrieg vom Zaun brachen. Dieses unübliche US-Verhalten bewertet der Markt bisher positiv und setzt darauf, dass die US-Bemühungen pro Frieden fruchten werden.

Das Bild ist jedoch komplex, da auch andere Länder signifikante Interessen haben. So verfolgt der Iran ambitionierte Ziele ob der Freistellung von Sanktionen, Reparationen und die Kontrolle über die Straße von Hormus als auch ob des Status des Libanon. Die Interessen des Iran sind kaum kompatibel mit den Interessen der USA. Zusätzlich ist Israel nicht willens, den USA in der Frage des Libanon Folge zu leisten und ist bereit, solitär Konflikte fortzuführen. Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass die Zuversicht der Märkte bezüglich eines nahenden Endes des Irankriegs Gründe hat, aber sich die Zuversicht dennoch auf dünnem Eis bewegt.

Auch die Ignoranz der Märkte gegenüber der militärischen Eskalation im Ukrainekrieg ist auffällig, denn das Risiko einer Ausweitung des Militärkonflikts auf weitere Länder hat im 2. Quartal 2026 deutlich zugenommen. Ein breiteres Kriegsszenario in Europa ist nicht mehr auszuschließen.

Weitere von den USA ausgehende Turbulenzen sind im Rahmen der gewollten Disruption zur Neugestaltung des Welt-Organigramms zu Gunsten von US-Interessen latent möglich. So drohte Trump Ende Juni der EU mit 100 %-Zöllen wegen Einführung der Digitalsteuer.  Fazit: Die geopolitischen und geowirtschaftlichen Risiken bleiben markant. Entsprechend wird Nervosität in der Realwirtschaft und an Märkten weiter anhalten. Vor diesem Hintergrund ist ein nachhaltiger Lastwechsel in Richtung verstärkten globalen Wachstums unwahrscheinlich, eine Verstetigung auf dem aktuellen Niveau jedoch möglich.

Trotz der Entspannung an der Inflationsfront im Juni ist die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung nicht in Stein gemeißelt. Sie hängt von der weiteren geopolitischen Lage ab. Entsprechend werden Zentralbanken nicht zeitnah auf diese geringere Inflationstendenz reagieren. Zudem belasten im IT- und KI-Sektor Engpässe bei diversen IT-Gütern, deren Preise explodierten und teilweise weiter dynamisch zunehmen. Ergo ergeben sich neue potentielle Inflationsfelder.

Die USA sind und bleiben die Wirtschaftslokomotive unter den großen westlichen Wirtschaftsnationen. Trumps Reformen vergrößern den Standortvorteil der USA. Die von Trump im letzten Jahr eingesammelten Investitionen und Geschäftsvolumina vergrößern den Abstand zu den anderen westlichen Nationen. Zudem ist das Machtsubstrat in den elementaren Feldern, IT, KI, Energie und Militär gegenüber den westlichen „Freunden“ größer denn je und garantiert den USA faktisch ein hohes Durchsetzungsvermögen.

Das US-Wachstum stellte sich per 1. Quartal 2026 auf 2,1 % in der auf das Jahr hochgerechneten Fassung und überraschte positiv. Die Industrieproduktion stieg im Jahresvergleich per Mai um 1,67 % nach 1,37 % per April. Die Einzelhandelsumsätze verzeichneten per Mai einen Anstieg um 6,88% nach zuvor 4,79 %. Die lange Zeit in Rezession befindliche US-Immobilienwirtschaft bleibt im Krisenmodus. Der NAHB Housing Market Index stand per Juni 2026 mit 35 Punkten weiter im kontraktiven Bereich.

Deutschland und Frankreich waren mangels umfassender Reformpolitik im 2. Quartal 2026 Belastungsfaktoren in der Eurozone. In Frankreich bleibt die Situation kritisch, da die Minderheitsregierung keine Möglichkeiten hat, nachhaltige Reformpolitik zu etablieren.

Die deutsche Regierung bewegte sich im 2. Quartal 2026 im Feld der Reformankündigungen, ohne bis Ende Juni belastbare Inhalte zu produzieren, und hat laut Meinungsumfragen das Vertrauen der Bevölkerung, aber auch großer Teile der Wirtschaft verloren. Die ehemaligen Problemländer, allen voran Spanien, Portugal und Griechenland, sind dank der Reformen die Stabilisatoren der Eurozone. Das Risiko, dass Deutschland und Frankreich die EU und Eurozone im relativen Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen im 3. Quartal 2026 nach unten ziehen, ist virulent. Fehlende Konkurrenzfähigkeit Deutschlands und die Strukturkrise Frankreichs sind die belastenden Merkmale. Kontinentaleuropa (ex Schweiz) wird Verlierer innerhalb des Westens bleiben.

Indien liefert trotz der belastenden Folgen des Irankriegs unverändert in Asien die stärksten Datensätze und hält an einem ambivalenten Kurs zwischen Westen und Globalem Süden fest. Die Grundausrichtung der Regierung Chinas stabilisiert den Ausblick im Hinblick auf die exogenen Herausforderungen. Jüngste Datensätze, ob Sentiment-Indikatoren (PMIs) oder harte Daten wie Industrieproduktion, Unternehmensgewinne zeigten positive Tendenzen oder waren zumindest widerstandsfähig. Ausreißer waren enttäuschende Einzelhandelsdaten. 

Zinssenkungen zur Stimulanz sind im Hinblick auf den hohen positiven Realzins möglich (1,8 %). Die Daten Chinas sollten vor diesem Hintergrund weiter von Stabilität mit positivem Grundton geprägt sein.

Die in die Zukunft gerichteten Wirtschaftsdaten deuten in Richtung einer gedämpften, heterogeneren, aber positiven Grunddynamik der Weltkonjunktur.

Der Einkaufsmanagerindex (Juni) signalisiert in dem Sektor des Verarbeitenden Gewerbes für die USA mit 53,9 Punkten (S&P Index) ausgeprägte Expansion. In Japan fällt sie laut Index mit 54,8 Zählern noch stärker aus. Im UK ergeben sich solide 52,6 Punkte. Weniger Dynamik deutet der PMI der Eurozone mit 51,4 Punkten an. Deutschlands Index mit 50,3 Zählern (Industrieproduktion -0,54 % im Jahresvergleich) ist wenig erbaulich.

Die aktuell verfügbaren Werte der Länder des Globalen Südens für diesen Sektor belegen für Indien mit 54,2 Zählern starke Expansion und für China mit 50,3 Punkten (Industrieproduktion im Jahresvergleich +4,5 %) überschaubares Wachstum. Russlands Index bringt es ebenso auf 50,3 Zähler. In Brasilien läuft es mit 50,8 Punkten besser.

Der Dienstleistungssektor bewegte sich im 2. Quartal 2026 laut Einkaufsmanagerindices in einer Gesamtbetrachtung ex Europa im Wachstumsmodus.

LandJuni 2026 DienstleistungenMärz 2026 Dienstleistungen
Eurozone48,950,2
Deutschland46,850,9
UK48,750,5
USA51,349,8
Japan51,853,4
Indien57,357,5
China (NBS Index)50,250,1
Russland48,249,5
Brasilien50,4 (Mai)50,1
Tabelle 2: Einkaufsmanagerindizes des Dienstleistungssektors im Vergleich; ©Netfonds

Am Rentenmarkt zeichnen sich trotz zumeist überschaubarer Renditerückgänge weiter Risiken ab, die zukünftig systemische Relevanz entwickeln können. Das gilt insbesondere für die Länder mit hoher Staatsverschuldung und unausgeprägter Reformfähigkeit als auch verfehlter Energiepolitik.

Nach vorne schauend werden bezüglich der Renditen heterogene Entwicklungen dominieren, die das inflationäre Bild, die Staatsdefizitsituation, die Reformfähigkeit und das konjunkturelle Erwartungsbild spiegeln.

Der Industrierohstoffsektor hatte auf die Weltwirtschaft und die Weltfinanzmärkte insbesondere bezüglich der Energiepreise entlastende Auswirkungen. Die Industriemetallpreise lieferten ein durchwachsenes Bild.

Im Sektor der Agrarrohstoffe gab es keine klare Richtung:  Weizen und Zucker waren wenig verändert, Kaffee legte um 9,8 % zu, Orangensaft verzeichnete einen Rückgang um 12,1 %, und der Kakaopreis stieg um gut 54 % nach dem Einbruch um -41,5 % im Quartal zuvor.   

Sowohl die Entwicklung der Weltwirtschaft als auch die der Finanzmärkte hängt mehr denn je an der internationalen Politik. Der entscheidende Katalysator für die Zukunft ist die Frage, wie es in den Konflikten hinsichtlich Iran und Ukraine weiter geht.

Im relativen Vergleich stehen die USA, China, aber auch ansatzweise Japan, Indien und Russland bezüglich der Themen Energie, Teilnahme an der 4. Industriellen Revolution, Autarkie, Rahmendaten und direkte als auch indirekte Folgen des Irankriegs am besten da. Westeuropas Energieabhängigkeit und das hiesige Energiepreisniveau als auch die Reformschwäche Frankreichs und Deutschlands gekoppelt mit langjähriger Politik gegen und nicht für die Wirtschaft machen Kontinentaleuropa fortgesetzt vulnerabel, auch weil eine angemessene Teilhabe an der 4. Industriellen Revolution nicht gewährleistet ist.

Der Finanzmarkt und die Wirtschaft

An den Finanzmärkten ergaben sich im Frühjahrsquartal 2026 starke Neubewertungen. Der Abverkauf an den Aktienmärkten wegen des Irankriegs endete zum Abschluss des 1. Quartals 2026. Im 2. Quartal 2026 setzte eine Gegenbewegung unter Schwankungen ein, die von Erwartungen getrieben war und ist, dass eine Friedenslösung im Irankrieg ansteht und die Straße von Hormus dauerhaft frei sein wird, um die Versorgungslage der Welt zu gewährleisten. Zusätzlich unterstützten Unternehmensnachrichten, die weit überwiegend positiv geprägt waren.

Dagegen zeigten sich die Rentenmärkte weniger zuversichtlich. Höchstrenditen wurden zur Mitte des 2. Quartals 2026 im Mai verzeichnet. Erst dann setzte eine deutliche Beruhigung ein.

Der US-Dollar konnte ab Mitte April an den Devisenmärkten zulegen. Ab diesem Zeitpunkt kamen Gold und Silber unter Abgabedruck. Bei Bitcoin setzt der Verkaufsdruck Mitte des Quartals ein. Die globale Konjunkturlage kühlte sich ab, war aber dennoch widerstandsfähig. Auffällig ist eine größere Heterogenität der Wirtschaftsentwicklungen in den unterschiedlichen Regionen, je nach Betroffenheit durch geopolitische Krisen und aktive Wirtschaftspolitik vor Ort.

Aktienmärkte: Ein starkes Quartal!

Das Frühjahrsquartal war an den Aktienmärkten von Stärke geprägt. Die Märkte mit hohem Tech-Anteil profitierten allen anderen voran. So wurden neue historische Höchstmarken am japanischen und südkoreanischen Aktienmarkt erreicht. Gleiches gilt für den S&P 500 und den Nasdaq 100, aber auch den MSCI-World.

Der MSCI-World Index verzeichnete im Quartalsvergleich ein Plus in Höhe von 13,32 %. US-Märkte setzten starke positive Akzente, allen voran der US-Tech 100 mit 27,30 %. Der S&P 500 nahm um 14,64 % zu. Europa konnte bei dem Tempo und den Strukturnachteilen bezüglich der Tech-Branche nicht mithalten. Der DAX stieg um 10,21 %. Der EuroStoxx 50 legte um 11,94 % zu. Der Nikkei Index Japans stellte aber selbst den US-Tech-Sektor mit einem Anstieg in Höhe von 37,21 % in den Schatten. Aktive Wirtschaftspolitik Japans und massive Investitionen in Zukunftstechnologien wirkten unterstützend.  Chinas CSI Index performte mit 12,01 %. Der indische Sensex Index generierte 6,53 %.  Aus der Reihe fiel der HangSeng-Index (Hongkong) mit -7,62 %.

Index30.06.202631.03.2026Veränderung
MSCI World4825,504.258,31+ 13,32 %
DAX (Xetra)24.995,8122.680,04+ 10,21 %
EuroStoxx 506.327,525.652,78+11,94 %
S&P 5007.484,336.528,52+14,64 %
US Tech 10030.220,8623.740,19+27,30 %
Nikkei Index70.062,3251.063,72+37,21 %
CSI Index4.984,624.450,05+12,01 %
HangSeng Index22.900,0724.788,14– 7,62 %
Sensex Index76.647,8071.947,55+ 6,53 %
Tabelle 3: Vergleich der Aktienmärkte auf Quartalssicht; ©Netfonds

Das Thema Tech zeigte in diesem Jahr ausgeprägte Volatilität, die sich immer wieder ultimativ in höheren Kursen niederschlägt. Die Realwirtschaft sieht sich immer stärker gezwungen, technisch aufzurüsten, um einerseits Produktivität und Erträge zu erhöhen, aber auch um die Existenz zu sichern. Entsprechend steigt der Bedarf nach Hard- und Software. Die Verwerfungen bei den Zinserwartungen, die in Folge des Irankriegs Raum griffen, sind in Teilen neutralisiert. Zinserhöhungserwartungen sind deutlich reduziert. Das wirkte in der zweiten Quartalshälfte unterstützend. Die Eintrübung des Konjunkturbilds war bisher unausgeprägter als zunächst an den Märkten unterstellt.

Das Risiko der fehlenden Energieversorgungssicherheit ist weiter real, aber wird an den Märkten weniger stark diskontiert. Für das Sommerquartal liegt der Fokus auf der weiteren Entwicklung des Irankriegs. Entspannung forciert Chancen, Verspannung dagegen Abwärtspotential an den Aktienmärkten. Volatilität wird uns auch im 3. Quartal 2026 begleiten, denn die Berechenbarkeit des US-Präsidenten ist nicht gewährleistet.

Rentenmärkte: Nach markanten Anstieg der Renditen beachtliche Beruhigung

Die Rentenmärkte lieferten im 2. Quartal 2026 zunächst bis zur Mitte des Quartals starke Renditeanstiege, die beispielsweise zu den höchsten Renditen in Japan seit 1997, in dem UK seit 2008 und in Frankreich und Deutschland seit 2011führten. Im Hinblick auf die hohen Staatsverschuldungen ergab sich eine kritische Konstellation.

LänderStaatsverschuldung 2026Staatsverschuldung 2000
Frankreich (keine Reformen)118,4 %58,9 %
UK (Neuausrichtungen)103,6 %29,5 %
Deutschland (Reformen?)64,6 %59,0 %
Japan (partiell Reformen)204,4 %136 %
USA (Reformen)125,853,2 %

Im weiteren Verlauf des Quartals wurden dann die Anstiege der Renditen nicht nur neutralisiert, sondern es kam im UK, in Frankreich und Deutschland als auch China zu Renditeständen unterhalb der Renditen per Ende des 1. Quartals 2026.

Begründen lässt sich die Entspannung mit den Erwartungen auf geopolitische Entspannung im Irankonflikt und damit einhergehend geringeren Inflations- als auch Zinssorgen. Zudem ergeben sich für die Länder, die sich reformieren und der 4. Industriellen Revolution stellen, Chancen, die Staatshaushalte perspektivisch stabiler zu gestalten. Es gilt weniger für die Länder, die sich den Reformherausforderungen und der 4. Industriellen Revolution nicht stellen.

Die Akzeptanz der westlichen Anleihemärkte nimmt im Globalen Süden grundsätzlich ab. Die Finanzmittel werden selbst vor Ort benötigt und der hybride Krieg gegen Länder des Globalen Südens seitens des Westens mit Sanktionen und Zöllen, die nicht WTO-rechtskonform sind, untergräbt das Vertrauen in unsere Märkte. Das verschärft das Finanzierungsproblem insbesondere problembehafteter Länder im Westen.

Bei Wiederaufflammen des Irankriegs oder Ausweitung des Ukrainekriegs droht Ungemach an den Rentenmärkten. Für Länder mit hoher Staatsverschuldung und Reformunfähigkeit stellten sich dann systemische Fragen, die von den Finanzmärkten bisher nicht diskontiert wurden. Insbesondere Länder der Eurozone (Frankreich im Fokus) laufen erhöhte Gefahren, da die Eurozone kein homogener politischer Raum vergleichbar mit den USA ist.

Rendite 31.03.2026Rendite 30.06.2026Höchstrendite im 2. Quartal 2026
10 jährige US-Staatsanleihen4,32 %4,46 %4,69 % (19. Mai)
10 jährige Bundesanleihen3,01 %2,92 %3,20 % (19. Mai)
10 jährige Staatsanleihen Frankreich3,72 %3,65 %3,99 % (19. Mai)
10 jährige britische Gilts4,92 %4,76 %5,19 % (19. Mai)
10 jährige Staatsanleihen Japan2,35 %2,69 %2,80 % (19. Mai)
Tabelle 4: Vergleich der Rendite-Entwicklungen an den Rentenmärkten; ©Netfonds

Devisenmärkte: Der USD feiert ein „Comeback“ – Gold, Silber und Bitcoin verlieren

Der Euro konnte im 2. Quartal 2026 die vorherige Stärke gegenüber dem USD nur bis Mitte April verteidigen. Im weiteren Verlauf des Quartals feierte der USD ein „Comeback“. Der Euro gab ab dem 15. April von gut 1,18 auf bis unter 1,1350 nach, um sich dann leicht zu erholen. Im Quartalsvergleich kam es zu einem Anstieg des USD gegenüber dem Euro um 1,16 %. Trotz der Verluste ist der Euro gegenüber dem USD weiter ob der Konjunkturschwäche, der Strukturdefizite, mangelnder Reformpolitik als auch Energierisiken und Teilhaberisiken an der 4. Industriellen Revolution hoch bewertet.

Die erodierende Akzeptanz des USD wegen des Risikos von Sanktionsregimen und der „Gutsherrenart“ und Unberechenbarkeit der US-Außenpolitik bleibt für den USD ein Malus. Diese Belastung stand im 2. Quartal 2026 jedoch weniger im Fokus.

Gegenüber dem JPY, CHF und GBP waren die Veränderungen des EUR im Quartalsvergleich mit 1 % – 1,5 % wenig signifikant. Silber (-22,13 %) und Gold (-14,17 %) waren im 2. Quartal 2026 die Verlierer im Quartalsvergleich gegenüber dem USD. Gewinnmitnahmen und Umschichtungen in Richtung Aktienmarkt waren neben negativer Markttechnik entscheidende Treiber dieser Bewertungen. Bitcoin gab im 2. Quartal 2026 wie bereits in den beiden Vorquartalen deutlich nach (-14,17%). Bitcoin ist keine „Quasi-Währung“, sondern als Krypto-Anlage eine Anlageklasse. Die Funktionalität, als nicht korrelierte Anlageklasse in Krisenzeiten relative Stabilität zu gewährleisten, war in den letzten neun Monaten nicht gegeben. 

30.06.202631.03.2026Veränderung
EUR-USD1,14201,1554– 1,16 %
EUR-JPY185,64183,42+ 1,21 %
EUR-CHF0,92280,9320– 0,99%
EUR-GBP0,86100,8735– 1,43 %
Bitcoin-USD58.54768.216-14,17 %
Gold USD4.007,424.669,13-14,17 %
Silber USD58,5175,14-22,13 %
Tabelle 5: Devisenkursentwicklungen; ©Netfonds

Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Netfonds AG

Gastbeitrag von Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Netfonds AG

Ein geteiltes Quartal – Irankrieg forciert Liquiditätspräferenz

Das 1. Quartal 2026 zeichnete sich durch einen Bruch aus. Es war ein geteiltes Quartal. Der erste Teil dauerte bis zum 27. Februar 2026 an. Die Intervention der USA in Venezuela Anfang Januar steckten Märkte und Wirtschaft noch „sportlich“ weg. Mit dem dann am 28. Februar 2026 folgenden Irankrieg, einem exogenen, nicht endogenen Impakt, ergaben sich völlig neue Einflussgrößen für die Realwirtschaft und die Finanzmärkte.

Bis zum 27. Februar war die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten (Allzeithochs im Januar bei DAX und S&P, Nikkei im Februar) und die Zuversicht in der Realwirtschaft, messbar an Sentiment-Indikatoren, ausgeprägt. Mit dem Beginn des Irankriegs und der Fehleinschätzung der USA und Israels ob des Verlaufs der militärischen Auseinandersetzung, die andauert und deren Ende zum aktuellen Zeitpunkt mit Hoffnungswerten (2 – 3 Wochen) verbunden ist, wichen Risikobereitschaft und Zuversicht Risikoaversion an den Märkten und Pessimismus und Sorge in der Wirtschaft.

Der Irankrieg stellt die Versorgung der Weltwirtschaft mit Energie, Düngemitteln (Welternährungssituation) und Helium (essentiell für Chip-Produktion) infrage. Die aktuellen und potentiellen Wirkungskanäle dieses Kriegs sind global ungleich ausgeprägter als die des Ukrainekriegs.

In der Folge dominierte seit dem 28. Februar an Märkten Liquiditätspräferenz, unter der alle Anlageklassen (ex Bitcoin) litten, und in der Wirtschaft weit überwiegend (ex Militär) Investitionsaversion.

Der Ukrainekrieg stand in Folge des Irankriegs weniger im Mittelpunkt. Gleichwohl setzt er sich unvermindert fort. Die gegenseitige Zerstörung der Energieinfrastruktur belastet im Kontext des Irankriegs stärker ob der Frage der globalen Energieversorgungssicherheit als auch der Energiepreise und deren Folgen (Inflation/Zinsen).

Am Ultimo des Quartals lieferte US-Präsident Trump entlastende Akzente, die sich an den Finanzmärkten zunächst positiv zum Quartalsende auswirkten. Trump kündigte einen baldigen Abzug der USA aus dem Iran an. Der Abzug könne innerhalb von zwei bis drei Wochen erfolgen. Es habe bereits einen Regimewechsel gegeben. Möglicherweise könne vorher noch eine Vereinbarung getroffen werden. Der Iran müsse jedoch kein Abkommen schließen, damit die USA ihren Krieg beenden.

Auch in den Vorquartalen stellte die Geopolitik einen Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte dar. Die jetzige Qualität ist jedoch ungleich bedrohlicher. Die jüngsten Aussagen Trumps setzten zum Quartalsende positive Hoffnungswerte.

Als Konsequenz dieser Gemengelage ergaben sich für alle Anlageklassen ex Bitcoin (Schwäche zuvor) nach dem 27. Februar Kursverluste. Insbesondere die nicht korrelierte Anlageklasse der Edelmetalle gab nach Rekorden zuvor (Gold und Silber, 28. Januar) markant nach. Im Quartalsvergleich kam es bei Gold dennoch zu einem Plus in Höhe von 8,13 % und bei Silber in Höhe von 4,97 %. Dagegen verlor Bitcoin als nicht korrelierte Anlageklasse im Quartalsvergleich 22,08 %.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erhöhte die globale Wachstumsprognose vor dem Irankrieg im World Economic Outlook per Januar 2026 für das Jahr 2026 von bisher 3,1 % auf 3,3 %. Für die Industrieländer wurde die Prognose per 2025 um 0,2 % auf 1,8 % hochgesetzt, für den Globalen Süden lag die Revision bei 0,2 % auf 4,2 %. Innerhalb der Industrienationen wurde die BIP-Prognose für die USA um 0,3 % auf jetzt 2,4 % erhöht. Für die Eurozone ging es um 0,1 % auf 1,3 % nach oben. Die deutsche BIP-Prognose erfuhr eine Anpassung um 0,2 % auf jetzt 1,1 % Wachstum per 2026. Die IWF-Prognose per 2027 war gegenüber der Prognose im Oktober global unverändert. Das Welt-BIP soll um 3,2 % zulegen. Während Industrienationen ein BIP-Wachstum von 1,7 % erreichen sollen, werde das BIP-Wachstum des Globalen Südens sich auf 4,1 % stellen.

Unter Zugrundelegung der aktuellen Einkaufsmanagerindices (Sentiment-Indikatoren, Frühindikatoren, Scheidewert zwischen Wachstum und Kontraktion 50 Punkte) als Bewertungsmaßstab ergibt sich in der westlichen Welt zum Ende des 1. Quartals 2026 ein positives, aber weniger dynamisches Gesamtbild als vor dem Beginn des Irankriegs. Japan führt mit 52,5 Punkten im gesamtwirtschaftlichen Zuschnitt (Composite Index) bezüglich der westlichen Industrienationen oder Industrieregionen, gefolgt von den USA mit 51,4 Zählern vor dem UK mit 51,0 Zählern und der Eurozone mit 50,5 Punkten. Unter den bedeutenden Wirtschaftsnationen der Welt rangiert Indien weiter auf dem ersten Rang mit 56,5 Punkten. Chinas Composite Index stellte sich auf 50,5 Zähler.

Die Inflationsentwicklungen lieferten im 1. Quartal 2026 mit dem Ausbruch des Irankriegs weltweit ein überwiegend kritischeres Bild. Entscheidend waren die anziehenden Energiepreise. Im Quartalsvergleich stieg der Ölpreis (Brent) von 61,74 USD auf in der Spitze mehr als 118 USD, um das Quartal bei 103,30 USD zu beschließen (+67,31 %). Bei den Erdgaspreisen ergab sich in Europa ein Anstieg um circa 80 % im Quartalsvergleich, in den USA dagegen ein Rückgang um knapp 22 %.

Bei Industriemetallen stellte sich ein divergentes Bild der Preise ein. Während Kupferpreise im Quartalsvergleich auf USD-Basis um rund 3,3 % sanken, kam es bei Nickel zu einem Anstieg auf USD-Basis um rund 0,6 %. Bei Aluminium (energieintensive Produktion) kam es auf USD-Basis zu einem Plus in Höhe von circa 15,7 %.

Das Bild bei Verbraucherpreisen ist unvollständig, da überwiegend Daten für März nicht verfügbar sind. Im März ergab sich bedingt durch Energiepreisanstiege eine grundsätzlich verschärfte Inflationslage. In der Eurozone kam es bei den Verbraucherpreisen seit Dezember 2025 ausgehend von 1,9 % zu einem Anstieg auf 2,5 % per März 2026 (vorläufiger Wert). In den USA ergab sich ein Rückgang von 2,7 % auf 2,4 % per Februar 2026 und in Großbritannien eine Reduktion von 3,2 % auf 3,0 % per Februar 2026. In Japan gaben die Verbraucherpreise im Zeitfenster Dezember bis Februar von 2,1 % auf 1,3 % nach. Im 1. Quartal 2026 stellte sich bei den Verbraucherpreisen in China im Verlauf ausgehend von 0,8 % im Dezember ein Anstieg auf 1,3 % per Februar 2026 ein. In Indien, das grundsätzlich von höheren Inflationsraten geprägt ist, kam es zu einem Plus der Verbraucherpreise von 1,33 % per Dezember auf 3,21 % per Februar 2026.

Das 1. Quartal 2026 war bezüglich der Zentralbankpolitik gekennzeichnet von einer abwartenden Haltung bezüglich neuer Zinsmaßnahmen. Mit dem Beginn des Irankriegs ergab sich seitens der Zentralbanken eine kritischere Haltung bezüglich zukünftiger Zinssenkungserwartungen. Das Thema potentieller Zinserhöhungen wurde hoffähig.

Tabelle 1: Entwicklung der Verbraucher- und Erzeugerpreise (Copyright Netfonds AG)
LänderAktuell verfügbarer WertMonat Dezember 2025
USA:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)

2,4 % (Februar)
3,4 % (Februar)
2,7 %
3,0 %
Eurozone:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)

2,5 % (März)
-2,1 % (Januar)
1,9 %
-2,1 %
Deutschland:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)

2,7 % (März)
-3,3 % (Februar)
1,8 %
-2,5 %
UK:
Verbraucherpreise (J)

3,0 % (Februar)
3,4 %
China:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)

1,3 % (Februar)
-0,9 % (Februar)
0,8 %
-1,9 %

Fazit: Die Weltwirtschaft verliert wegen der geopolitischen Krisenherde, allen voran des Irankriegs mit Energieversorgungs-, Inflations- als auch Zinsrisiken als Folge, aber auch wegen mangelnder Reformpolitik in Frankreich und Deutschland Potentialwachstumskräfte. Hintergründig wirkt die disruptive US-Zoll-, Sanktions- als auch Standortpolitik erodierend. Die IWF-BIP Prognosen sind diesbezüglich anfällig für negative Anpassungen. Ob ein globales Wachstumstempo über 3 % gehalten werden kann, ist offen.

Die Konjunkturverläufe zwischen den Wirtschaftsräumen des Westens und des Globalen Südens blieben und bleiben losgelöst von den aktuellen Krisenherden grundsätzlich pro Globalem Süden ausgerichtet.

Während sich der „Globale Süden“ untereinander weiter globalisiert und organisiert, Effizienzen erhöht und Wachstumspotentiale generiert, läuft der „Westen“, allen voran Europa, das Risiko durch Abgrenzungspolitik und zusätzlich durch die Akzeptanz des „US-Zolldiktats“ und Verweigerung überfälliger Reformen unterproportional zu wachsen. Das bis Februar 2026 moderate Inflationsbild weicht einem Szenario verstärkter Preisanstiege. Damit ist das Thema Zinssenkungsszenarien zunächst abgeschlossen. 

Die Perspektive: Geopolitische Risiken markant, Märkte und Wirtschaft nervös

Die von den USA und Israel ausgehenden geopolitischen und wirtschaftlichen Turbulenzen durch den Irankrieg werden sich grundsätzlich auf die globale Wirtschaftsaktivität weiter belastend auswirken, selbst wenn es zu einem nahen Kriegsende kommen sollte, da wesentliche Teile der globalen Energieinfrastruktur zerstört sind.

Gleichwohl bedeutete ein nahes Kriegsende, dass sich die Krisensituation entspannte und die Schäden dann transparent würden und der Wiederaufbau beginnen könnte. Die geopolitischen Risiken bleiben markant. Entsprechend wird Nervosität in der Realwirtschaft und an Märkten weiter anhalten. Vor diesem Hintergrund ist ein nachhaltiger Lastwechsel in Richtung verstärkten globalen Wachstums unwahrscheinlich, eine Verstetigung auf reduziertem Niveau jedoch möglich.

Weitere von den USA ausgehende Turbulenzen sind im Rahmen der gewollten Disruption zur Neugestaltung des Welt-Organigramms zu Gunsten von US-Interessen latent möglich, aber hinsichtlich der aktuellen Erfahrung im Irankrieg zunächst weniger wahrscheinlich (Kuba).

Ob das Thema Friedensbemühungen der USA in der Ukraine-Krise verstärkt wird, ist offen. Im 1. Quartal 2026 drehte sich das milde globale Inflationsszenario und das daraus resultierende Potential für Zinssenkungen im Monat März. Ein Kriegsende im Irankonflikt hätte das Potential, die positive Preisdynamik zu brechen, ohne jedoch den Status vor dem Irankrieg wiederherzustellen, da Engpässe in der globalen Energieversorgung moderiert, jedoch nicht eliminiert würden. Das Thema Zinssenkungen steht im 2. Quartal 2026 mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf der Agenda.

Die US-Politik unter Präsident Trump zeigte und zeigt in der US-Wirtschaft Wirkung. Durch die Reformen, die das Leistungspotential der Ökonomie erhöhen, wirken sich die US-Disruptionen in einer relativen Betrachtung insbesondere gegenüber Europa fortgesetzt zu Gunsten des US-Standorts aus. Der Blick auf Energiepreise (Gaspreise Europa +80 %, USA -22 % im Quartalsvergleich) und Energieversorgungssicherheit unterstreichen diesen Aspekt.   Das US-Wachstum per 4. Quartal 2025 wurde im Rahmen der Revisionen am Ende auf 0,7 % in der auf das Jahr hochgerechneten Fassung angepasst. Damit ergibt sich für das Gesamtjahr 2025 ein BIP-Anstieg um rund 2,1 %. Damit bleiben die USA das Land mit dem stärksten Wachstum im Vergleich der bedeutenden westlichen Industrienationen. Die Industrieproduktion stieg im Jahresvergleich per Februar um 1,44 % nach 2,33 % per Januar. Die Einzelhandelsumsätze verzeichneten per Februar einen Anstieg um 3,71 %. Die lange Zeit in Rezession befindliche US-Immobilienwirtschaft bleibt im Krisenmodus insbesondere durch die Zinssteigerungen am Kapitalmarkt im letzten Berichtsmonat. Der NAHB Housing Market Index stand per März 2026 mit 38 Punkten weiter deutlich im kontraktiven Bereich.

Deutschland und Frankreich waren mangels umfassender Reformpolitik im 1. Quartal 2026 Belastungsfaktoren in der Eurozone. In Frankreich bleibt die Situation kritisch, da die Minderheitsregierung keine Möglichkeiten hat, nachhaltige Reformpolitik zu etablieren.

Die deutsche Regierung bewegt sich zwischen Wortbrüchen und Reformankündigungen, ohne bisher ausreichend belastbare Inhalte zu produzieren, und hat laut Meinungsumfragen das Vertrauen der Bevölkerung, aber auch großer Teile der Wirtschaft verloren. Die ehemaligen Problemländer, allen voran Spanien, Portugal, Irland und Griechenland, sind dank der Reformen die Stabilisatoren der Eurozone. Ihre Kraft und ihr Einfluss reichen jedoch nicht aus, das Blatt der Eurozone nachhaltig zu wenden. Das Risiko, dass Deutschland und Frankreich die EU und Eurozone im relativen Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen im 2. Quartal 2026 weiter nach unten ziehen, steht im Raum. Fehlende Konkurrenzfähigkeit Deutschlands und die Strukturkrise Frankreichs sind die belastenden Merkmale. Kontinentaleuropa (ex Schweiz) wird Verlierer innerhalb des Westens bleiben.

Indien liefert unverändert in Asien die stärksten Datensätze, obwohl Indien durch den Irankrieg an Dynamik verlor. Die wirtschaftsfreundliche Grundausrichtung der Regierung Chinas stabilisiert den regionalen Ausblick im Hinblick auf die exogenen Herausforderungen. Jüngste Datensätze, ob Sentiment-Indikatoren (PMIs) oder harte Daten wie Industrieproduktion, Unternehmensgewinne und Einzelhandel zeigten positive Tendenzen oder waren zumindest widerstandsfähig. Weitere Zinssenkungen zur stärkeren Stimulanz sind im Hinblick auf den hohen positiven Realzins jederzeit möglich. Die Daten Chinas sollten vor diesem Hintergrund weiter von Stabilität mit positivem Grundton geprägt sein.

Die in die Zukunft gerichteten Wirtschaftsdaten deuten in Richtung einer gedämpften, aber noch positiven Dynamik der Weltkonjunktur. 

Der Einkaufsmanagerindex (Erstschätzung März) signalisiert in dem Sektor des Verarbeitenden Gewerbes für die USA mit 52,4 Punkten (S&P Index) Expansion. Gleiches gilt für den PMI der Eurozone mit 51,4 Punkten (Deutschland 51,7), für Japan mit 51,4 Zählern und für das UK mit 51,4 Zählern.

Die aktuell verfügbaren Werte der Länder des Globalen Südens für diesen Sektor belegen für Indien mit 53,8 Zählern kommode Expansion und für China mit 50,4 Punkten (Industrieproduktion +6,2 %) moderates Wachstum. Russland verzeichnete mit 48,3 Zählern (Industrieproduktion im Jahresvergleich -0,9 %) Kontraktion. Gleiches gilt für Brasilien mit 49,0 Punkten (Industrieproduktion +0,2 %).

Der Dienstleistungssektor bewegte sich im 1. Quartal 2026 laut Einkaufsmanagerindices in einer Gesamtbetrachtung im Wachstumsmodus. Gegenüber dem Vorquartal kam es jedoch ex Japan (Wirtschaftspaket) zu Abschwächungen. Auch hier spielt der Einfluss der Geopolitik eine bedeutende Rolle, da das Verarbeitende Gewerbe Dienstleistungen in Anspruch nimmt.     

Tabelle 2: Einkaufsmanagerindizes des Dienstleistungssektors im Vergleich (Copyright Netfonds AG)
LandMärz 2026 DienstleistungenDezember 2025 Dienstleistungen
Eurozone50,1 (Erstschätzung)52,4
Deutschland51,2 (Erstschätzung)52,7
UK51,2 (Erstschätzung)52,1
USA51,1 (Erstschätzung)52,5
Japan52,8 (Erstschätzung)51,6
Indien57,2 (Erstschätzung)58,0
China (NBS Index)50,150,2
Russland51,3 (Februar)52,3
Brasilien53,1 (Februar)53,7

Am Rentenmarkt zeichneten sich verstärkte Risiken ab, die zukünftig systemische Relevanz entwickeln können. Das gilt insbesondere für die Länder mit hoher Staatsverschuldung. Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe bewegt sich auf den höchsten Niveaus seit 2011. In Frankreich ist es das höchste Renditeniveau seit 2009. Japan sticht mit dem höchsten Niveau seit 1997 ins Auge. Dagegen ist die Situation in den USA weniger problematisch. Dort handelt es sich um das höchste Renditeniveau seit Frühjahr 2025.

Nach vorne schauend werden bezüglich der Renditen heterogene Entwicklungen dominieren, die das inflationäre Bild, die Staatsdefizitsituation, die Reformfähigkeit und das konjunkturelle Erwartungsbild spiegeln. Diesbezüglich (Defizite, Wachstum, Reformmangel) sieht es insbesondere für die Rentenmärkte in Japan, in Frankreich und in Großbritannien perspektivisch kritisch aus.

Der Industrierohstoffsektor hatte auf die Weltwirtschaft und die Weltfinanzmärkte insbesondere bezüglich der Energiepreise belastende Auswirkungen. Ölpreise legten massiv zu (Brent +67 %), Gaspreise ex USA (-22 %) zogen in Europa (+80 %) und global markant an. Die Industriemetallpreise lieferten ein durchwachsenes Bild. Im Sektor der Agrarrohstoffe gab es keine klare Richtung:  Weizen +8,2 %, Kaffee -16,5 %, Orangensaft -5,9 %, Zucker +6,7 % und Kakao (-41,5 %). Losgelöst von der rückwärtigen Betrachtung bei Agrarrohstoffen ist das Risiko steigender Agrarpreise virulent, da die Preise für das bedeutende Düngemittel Urea (Golfstaaten maßgebliche Produzenten) massiv gestiegen sind. Seit dem 27. Februar legten die Preise pro Tonne von 466 USD auf aktuell 693 USD zu. Diese Verwerfung wirkt auf zukünftige Agrarpreise.

Sowohl die Entwicklung der Weltwirtschaft als auch die der Finanzmärkte hängt mehr denn je an der internationalen Politik. Der entscheidende Katalysator für die Zukunft ist die Frage, wie es im Irankonflikt weiter geht. Im ungünstigsten Fall einer weiteren Eskalation steht Weltrezession, Welthunger und globale Verarmung auf der Agenda. Im günstigsten Fall kommt es zu einer Stabilisierung und Bodenbildung.

Im relativen Vergleich stehen die USA, Russland und China bezüglich der Themen Energie, Autarkie, Rahmendaten und direkte als auch indirekte Folgen des Irankriegs (u.a. Migration) am besten da. Europas Energieabhängigkeit und das hiesige Energiepreisniveau als auch die Reformschwäche Frankreichs und Deutschlands gekoppelt mit langjähriger Politik gegen und nicht für die Wirtschaft (EU-Regulierungen) machen Kontinentaleuropa fortgesetzt sehr vulnerabel.   

Aktienmärkte: zunächst freundlich, ab 27. Februar im Abverkauf

Das Winterquartal war an den Aktienmärkten zweigeteilt. Bis zum 27. Februar fielen Rekorde, unter anderem bei dem DAX, dem S&P 500 oder dem Nikkei-Index. Bereits ab Ende Januar standen Tech- und AI-Werte unter Druck. Die „Tech- und AI Story“ wurde in Frage gestellt.      Mit dem Beginn des Irankriegs brachen die Aktienmärkte dann ein, um Ende März leichte Erholungstendenzen zu zeigen. Der MSCI-World Index verlor im Quartalsvergleich 3,88 %.      Der DAX gab um 7,39 % nach. Der EuroStoxx 50 verlor lediglich 2,60 %. US-Märkte standen unter Verkaufsdruck. So verzeichnete der S&P 500 ein Minus in Höhe von 4,63 %. Der US-Tech 100 fiel um 6,79 %.

Positiv stach der Nikkei Index Japans mit einem Plus in Höhe von 1,11 % im Quartalsvergleich ins Auge. In Asien verlor der indische Sensex Index mit 15,57 % am stärksten, gefolgt vom CSI-Index Chinas mit -3,88 % und dem HangSeng-Index (Hongkong) mit -3,29 %.

Tabelle 3: Vergleich der Aktienmärkte auf Quartalssicht (Copyright Netfonds AG)
Index31.03.202631.12.2025Veränderung
MSCI world4.258,314.430,08-3,88 %
DAX (Xetra)22.680,0424.490,41-7,39 %
EuroStoxx 505.652,785.803,56-2,60 %
S&P 5006.528,526.845,52-4,63 %
US Tech 10023.740,1925.468,55-6,79 %
Nikkei Index51.063,7250.501,81+1,11 %
CSI Index4.450,054.629,94-3,88 %
HangSeng Index24.788,1425.630,54-3,29 %
Sensex Index71.947,5585.219,74-15,57 %

Teile der Grundlagen für freundliche Aktienmärkte sind erodiert. Das Thema Zinssenkungen als positiver Katalysator ist entfallen. Im Gegenteil jetzt drohen potentiell Zinserhöhungen. Das Konjunkturbild hat sich eingetrübt. Damit fehlen unterstellte Skaleneffekte bezüglich der Profitabilität der Unternehmen. Fehlende Energieversorgungssicherheit ex USA und ex Russland wirken hemmend. Zudem zerlegt die US-Politik die die Weltwirtschaft tragenden Organigramme fortgesetzt. Damit fehlt Planungssicherheit und Investitionssicherheit.

Für das Frühjahrsquartal liegt der Fokus auf der weiteren Entwicklung des Irankriegs und des dahinterstehenden Konflikts. Entspannung forciert nach der Neubewertung Chancen, Verspannung dagegen erneutes Abwärtspotential. 

Rentenmärkte: Renditeanstieg für einige Länder zunehmend kritisch

Die Rentenmärkte lieferten im 1. Quartal 2026 Renditeanstiege zwischen 0,14 % (USA) und 0,45 % (UK) bezüglich der jeweiligen 10-jährigen Staatsanleihen. Nur in China kam es zu einem Renditerückgang (0,05 %).

Die Gründe für die Versteifung der Renditen sind vielfältig. Einerseits haben sich seit Ende Februar die Inflationserwartungen abrupt versteift und Zinssenkungserwartungen platzten. Zudem erodiert das Vertrauen in die hoch verschuldeten Länder bezüglich der Frage, ob diese Länder genügend Wirtschaftskraft haben, die Schuldentragfähigkeit zu erhalten.

Das gilt allen voran für Japan (+0,27 %, Staatsverschuldung 227 % des BIP), für Frankreich (+0,26 %, Staatsverschuldung 120 %) und Großbritannien (+0,45 %, Staatsverschuldung 105 %).  Zusätzlich spielt eine Rolle, dass die westliche Außenpolitik zu einer immer stärkeren Isolierung westlicher Länder gegenüber den erfolgreichen Ländern des so genannten Globalen Südens führte und führt, aktuelle Handelsabkommen der EU hin oder her.

Die Bereitschaft im Globalen Süden, westliche Länder zu finanzieren, verblasst, da sich in den eigenen Reihen attraktive Möglichkeiten bieten. Quantifizieren lässt sich das beispielsweise daran, dass seit dem Beginn des Irankriegs Zentralbanken 90 Mrd. USD an US-Staatsanleihen verkauften.

Bei Fortsetzung oder sogar Eskalation des Irankriegs droht weiteres Ungemach an den Rentenmärkten. Für Länder mit hoher Staatsverschuldung und Reformunfähigkeit stellten sich systemische Fragen, die von den Finanzmärkten bisher nicht diskontiert wurden. Insbesondere Länder der Eurozone (Frankreich im Fokus) laufen erhöhte Gefahren, da die Eurozone kein homogener politischer Raum vergleichbar mit den USA ist. Entspannung in der Irankrise kann die Situation temporär entschärfen. 

Tabelle 4: Vergleich der Rendite-Entwicklungen an den Rentenmärkten (Copyright Netfonds AG)
Rendite 31.12.2025Rendite 31.03.2026VerbraucherpreiseRealzins (RENdite-CPI)
10-jährige US-Staatsanleihen4,18 %4,32 %2,4 % (Februar)+1,92 %
10-jährige Bundesanleihen2,86 %3,01 %2,5 % (März)+ 0,51 %
10-jährige Staatsanleihen Frankreich3,56 %3,72 %1,9 % (März)+ 1,82 %
10-jährige britische Gilts4,47 %4,92 %3,0 % (Februar)+ 1,92 %
10-jährige Staatsanleihen Japan2,08 %2,35 %1,3 % (Februar)+ 1,05 %

Devisenmärkte: „Safe Haven“ Status des USD erodiert, Gold und Silber stehlen die Show

Der Euro konnte im 1. Quartal 2026 die vorherige Stärke gegenüber dem USD nicht vollständig verteidigen. Der EUR verlor überschaubar an Boden und bleibt ob der Konjunkturschwäche, der Strukturdefizite und mangelnder Reformpolitik als auch Energierisiken weiter hoch bewertet. Die Resilienz des Euros war im 1. Quartal 2026 bemerkenswert. Belastende Daten und Fakten perlten ohne substantielle Wirkung ab.

Der sogenannte „Safe Haven“ Reflex, in Krisenzeiten Sicherheit im USD zu suchen, fiel im historischen Kontext bezüglich des Irankriegs widerwillig und unterproportional aus. Ein Erklärungsansatz bietet die erodierende Akzeptanz des USD wegen des Risikos von Sanktionsregimen und der „Gutsherrenart“ und Unberechenbarkeit der US-Außenpolitik.     Gegenüber dem JPY, CHF und GBP waren die Veränderungen des EUR im Quartalsvergleich mit deutlich unter 1 % eher kosmetischer Natur.

Silber (+4,97 %) und Gold (+8,13 %) waren im 1. Quartal 2026 trotz des starken Abverkaufs im Zuge des Irankriegs erneut die Gewinner im Quartalsvergleich. Die Performance von Gold und Silber („Währungen ohne Fehl und Tadel“) im relativen Vergleich zu den Währungen kann als Ausdruck eines Vertrauensverlusts in das westliche Finanzsystem interpretiert werden. Der Anstieg im Quartalsvergleich belegt die Rolle als nicht korrelierte Anlageklasse.

Bitcoin war im 1. Quartal 2026 wie bereits im Vorquartal der große Verlierer. Bitcoin ist keine „Quasi-Währung“, sondern als Krypto-Anlage eine Anlageklasse. Die Funktionalität, als nicht korrelierte Anlageklasse in Krisenzeiten relative Stabilität zu gewährleisten, war in den letzten sechs Monaten nicht gegeben.      

Tabelle 5: Devisenkursschwankungen (Copyright Netfonds AG)
30.09.202531.12.2025Veränderung
EUR-USD1,17361,1745+ 0,08 %
EUR-JPY173,51183,99+ 6,04 %
EUR-CHF0,93380,9303– 0,37 %
EUR-GBP0,87280,8718– 0,11 %
Bitcoin/USD114.19287.544– 23,34 %
Gold/USD3.858,414.318,27+ 11,92 %

Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Netfonds AG

Gastbeitrag der Netfonds AG von Folker Hellmeyer

US Zoll- und Geopolitik weiter globale Belastungsfaktoren

Das 3. Quartal 2025 war gekennzeichnet von fortgesetzten Verwerfungen. Allen voran belastet die US-Zollpolitik, die im September global noch einmal verschärft wurde (u.a. Pharmaprodukte). Es kam zu Vereinbarungen zwischen den USA und der EU, die die Position der USA markant verbesserten und die EU ebenso wie Japan und Südkorea zu massiven Energiekäufen und Investitionen in den USA verpflichten.

Die US-Politik, mit Zoll- und Sanktionspolitik Willfährigkeit dritter Länder zu erzwingen (u.a. Indien), setzt sich daneben fort und teilt die Welt weiter zwischen dem westlichen Block und dem Globalen Süden. Die rückläufige Homogenität in der Weltwirtschaft verringert Potentialwachstumskräfte.

Die Geopolitik blieb und bleibt in der Gesamtheit ein Belastungsfaktor für die Realwirtschaft und die Finanzmärkte. Zum Ende des Quartals kamen Hoffnungswerte auf eine Befriedung des Gaza-Konflikts durch den US-Friedensplan auf. Dagegen nimmt der Konflikt des Westens mit dem Iran ob des Atomprogramms zu. Der Ukraine-Konflikt setzte sich im 3. Quartal fort. Es ergab sich ein verstärkter Schulterschluss zwischen den USA und der EU gegenüber Russland. Der Konflikt eskalierte verbal und waffentechnisch (voraussichtliche Tomahawk Lieferungen durch USA) im Quartalsverlauf. Eine geographische Ausweitung des Konflikts steht im Raum.

Als Konsequenz dieser Gemengelage konnte die nicht korrelierte Anlageklasse der Edelmetalle, allen voran Gold (Phalanx von historischen Höchstkursen), aber auch Silber (höchste Notierungen seit 2011) und Bitcoin an Boden gewinnen.

Trotz dieser herausfordernden Rahmenbedingungen erhöhte der Internationale Währungsfonds (IWF) die globale Wachstumsprognose im World Economic Outlook per Juli 2025 von bisher 2,8 % auf 3,0 % für das laufende Jahr. Für die Industrieländer wurde die Prognose per 2025 um 0,1 % auf 1,5 % hochgesetzt, für den Globalen Süden lag die Revision bei +0,4 % auf 4,1 %.

Innerhalb der Industrienationen wurde die BIP-Prognose für die USA um 0,1 % auf jetzt 1,9 % erhöht. Für die Eurozone ging es um 0,2 % auf 1,0 % nach oben. Die deutsche BIP-Prognose erfuhr eine Anpassung um 0,1 % auf jetzt 0,1 % Wachstum per 2025. Unter den bedeutenden Ländern nimmt Deutschland bezüglich des Wachstums den letzten Rang ein.

Unter Zugrundelegung der aktuellen Einkaufsmanagerindices (Sentiment-Indikatoren, Frühindikatoren, Scheidewert zwischen Wachstum und Kontraktion 50 Punkte) als Bewertungsmaßstab ergibt sich in der westlichen Welt zum Ende des 3. Quartals 2025 ein positives Gesamtbild. Die USA führen im gesamtwirtschaftlichen Zuschnitt (Composite Index) bezüglich der westlichen Industrienationen oder Industrieregionen mit 53,6 Zählern vor der Eurozone mit 51,2 Zählern, Japan mit 51,1 Punkten und Großbritannien mit 51,0 Zählern. Unter den bedeutenden Wirtschaftsnationen der Welt rangiert Indien weiter auf dem 1. Rang mit 61,9 Punkten. Chinas Composite Index stellte sich auf 50,6 Zähler.

Die Inflationsentwicklungen lieferten im 3. Quartal 2025 weltweit ein heterogenes Bild. Im Quartalsvergleich sank der Ölpreis (Brent) unwesentlich von 66,59 USD auf 66,38 USD (Stichtag für alle Rohstoffe 29. September), nachdem zuvor am 30. Juli 2025 Höchstkurse bei 72,69 USD markiert wurden. Bei den Erdgaspreisen ergab sich in Europa ein Rückgang um gut 3 % im Quartalsvergleich, in den USA ein Rückgang um rund 16 %.

Bei Industriemetallen dominierten steigende Preise. Kupferpreise legten im Quartalsvergleich auf EUR-Basis um knapp 5,9 % zu. Bei Nickel lag das Plus auf EUR-Basis bei rund 1,5 %. Bei Aluminium kam es auf EUR-Basis zu einem Anstieg in Höhe von circa 4,3 %.

In der Eurozone ergab sich bei den Verbraucherpreisen in der Phase von Juni bis August mit unverändert 2,0 % keine Veränderung. In den USA kam es in diesem Zeitraum zu einem Anstieg in Höhe von 2,7 % auf 2,9 % und in Großbritannien zu einer Zunahme von 3,6 % auf 3,8 %. In Japan gaben die Verbraucherpreise in diesem Zeitfenster von 3,3 % auf 2,7 % nach. Im 3. Quartal 2025 stellte sich bei den Verbraucherpreisen in China im Verlauf ausgehend von 0,1 % im Juni ein Verfall auf -0,4 % per August 2025 ein.

In Indien, das grundsätzlich von höheren Inflationsraten geprägt war, sank der Anstieg der Verbraucherpreise seit Oktober 2024 von 6,21 % auf 2,07 % (August 2025). Das 3. Quartal 2025 war bezüglich der Zentralbankpolitik gekennzeichnet von einer Zinssenkung in den USA und dem UK um jeweils um 0,25 % auf 4,125 %, respektive 4,00 %.  Die EZB pausierte im 3. Quartal in ihrem Zinssenkungszyklus (Anlagezins 2,00 %). Japans Notenbank verweigerte Zinserhöhungen (aktuell 0,50 %). In China wurden die Zinssätze für die „Loan Prime Rates“ trotz des Deflationsbilds unverändert belassen (1-jährige Kredite 3,00 %, 5-jährige Kredite 3,50 %).

Tabelle 1: Entwicklung der Verbraucher- und Erzeugerpreise

LänderAktuell verfügbarer WertMonat Juni 2025
USA:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
2,9 % (August)
2,6 % (August)
2,7 %
2,4 %
Eurozone:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
2,0 % (August)
0,2 % (Juli)
2,0 %
0,6 %
Deutschland:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
2,4 % (September vorläufig)
-2,2 % (August)
2,0 %
-1,3 %
UK:
Verbraucherpreise (J)
3,8 % (August)3,6 %
China:
Verbraucherpreise (J)
Erzeugerpreise (J)
-0,4 % (August)
-2,9 % (August)
0,1 %
-3,6 %

Fazit: Die Weltwirtschaft verliert wegen der geopolitischen Krisenherde und der disruptivem US-Zoll-als auch Standortpolitik, aber auch wegen mangelnder Reformbereitschaft in Frankreich und Deutschland Potentialwachstumskräfte, hält aber aktuell ein Wachstumstempo real um die 3 %-Marke.

Die Konjunkturverläufe zwischen den Wirtschaftsräumen des Westens und des Globalen Südens blieben und bleiben pro Globalem Süden ausgerichtet. Die Anpassungen der IWF-Prognosen im Juli waren eindeutig.

Während sich der „Globale Süden“ untereinander weiter globalisiert und organisiert, Effizienzen erhöht und Wachstumspotentiale generiert, läuft der „Westen“, allen voran Europa, das Risiko durch Abgrenzungspolitik und zusätzlich durch die Akzeptanz des „US-Zolldiktats“ und Verweigerung überfälliger Reformen unterproportional zu wachsen. Die erwarteten Inflationsimpulse durch die US-Zollpolitik sind bisher nicht eingetreten. Das grundsätzlich moderate Inflationsbild erlaubte der US-Notenbank den Beginn des Zinssenkungszyklus mit unterstützenden Folgen für die US-Wirtschaft und die US-Finanzmärkte.

Die Perspektive: Geopolitische Risiken höher, aber Wirtschaft zuversichtlich

Die von den USA ausgehenden geopolitischen und wirtschaftlichen Turbulenzen werden sich grundsätzlich auf die globale Wirtschaftsaktivität weiter belastend auswirken. Ein nachhaltiger Lastwechsel in Richtung verstärkten globalen Wachstums ist vor dem aktuell verfügbaren Nachrichten- und Datenhintergrund unwahrscheinlich, auch wenn sich die globale Wirtschaft resilient, erkennbar an harten Daten, und zuversichtlich, erkennbar an Sentiment-Indikatoren, zeigt.

Weitere von den USA ausgehende Turbulenzen sind im Rahmen der gewollten Disruption zur Neugestaltung des Welt-Organigramms zu Gunsten von US-Interessen latent möglich. Die Neuausrichtung der USA in der Ukraine-Krise, jetzt enger an der Seite der EU und der Ukraine, impliziert darüber hinaus eine militärische Eskalation mit dem Risiko einer geografischen Ausweitung des Konflikts. Die Möglichkeit, dass der Konflikt eine globale Dimension annimmt, steigt mit entsprechend belastenden Folgen für Real- und Finanzwirtschaft. Der Anstieg des Goldpreises mit neuen historischen Höchstmarken im September diskontierte dieses Risikoszenario.

Eine aktuell möglich erscheinende Friedenslösung im Gaza-Konflikt kann im 4. Quartal 2025 ein Aufheller der Stimmung sein.

Im 4. Quartal 2025 werden das derzeitig milde globale Inflationsszenario und das daraus resultierende Potential für Zinssenkungen entlastend wirken, allen voran in den USA, aber auch in Fernost, wo es partiell zu Deflationsszenarien (u.a. China, Thailand) kommt.

Die US-Politik unter Präsident Trump zeigte und zeigt in der US-Wirtschaft Wirkung. Durch die Reformen, die das Leistungspotential der Ökonomie erhöhen, wirken sich die US-Disruptionen zu Gunsten der US-Wirtschaft aus. Allein die zugesagten Investitionen der EU, Japans und Südkoreas belaufen sich auf mehr als 1,5 Billionen USD. Sie werden ihre Wirkung, sofern es dazu kommt (Rechts- und Potentialfragen), entfalten. Die US-Wirtschaft ist und bleibt der Profiteur der „US-Wirtschaftskriege“.

Das US-Wachstum per 2. Quartal 2025 wurde unerwartet im Verlauf von 3,0 % (Erstschätzung) final auf 3,8 % (annualisiert) revidiert. Die Industrieproduktion stieg die letzten drei Monate im Jahresvergleich um die Marke von 1 %. Die Einzelhandelsumsätze verzeichneten in den letzten drei Monaten im Jahresvergleich Zuwachsraten von 4,09 % – 5,00 %. Die lange Zeit in Rezession befindliche US-Immobilienwirtschaft zeigt mit der Zinssenkung erste Anzeichen einer Erholung. So lieferten der Index anhängiger Hauskäufe (Top seit 05/2025), der MBA Hypothekenmarktindex (Top seit 04/2022) und der Absatz neuer Wohnimmobilien (Top seit 01/2022) allesamt positive Entwicklungen. Trumps massive Erfolge, Investitionen in die USA zu leiten (mehr als 5 Billionen USD), spielen auf kurze Sicht eine untergeordnete Rolle, sie haben mittel- und langfristig positiven Charakter. Unterschwellig unterstützend wirken in den USA die Themen Energieversorgungssicherheit und insbesondere im Vergleich zu Europa günstige Energiepreise. Die USA werden auch im 3. Quartal 2025 der „Outperformer“ unter den westlichen Nationen sein. Verwerfungen durch einen aktuell möglichen Shutdown wären temporärer Natur, wie vergangene Shutdowns belegen, und würden im Zeitverlauf aufgeholt.

Die beiden Schwergewichte der EU, Deutschland und Frankreich, waren mangels umfassender Reformpolitik im 3. Quartal 2025 Belastungsfaktoren in der Eurozone. In Frankreich spitzt sich die Lage zu. Das Thema Unregierbarkeit steht im Raum und damit eine Fortsetzung der verfehlten Politikansätze. Die deutsche Regierung bewegt sich zwischen Wortbrüchen und Reformankündigungen, ohne bisher belastbare Inhalte zu produzieren, und hat laut Meinungsumfragen das Vertrauen der Bevölkerung, aber auch großer Teile der Wirtschaft verloren. Die ehemaligen Problemländer, allen voran Spanien und Griechenland, sind dank der Reformen die Stabilisatoren der Eurozone. Ihre Kraft und ihr Einfluss reichen jedoch nicht aus, um das Blatt der Eurozone zum Guten zu wenden. Das Risiko, dass Deutschland und Frankreich die EU und Eurozone im relativen Vergleich zu anderen Wirtschaftsräumen im 4. Quartal 2025 weiter nach unten ziehen, nimmt zu. Fehlende Konkurrenzfähigkeit der beiden Kernländer bei den Rahmendaten wird durch die US-Reform- und Zollpolitik, jüngst aber auch durch das UK durch Hinwendung zur Atomkraft und starke US-Investitionen in Zukunftsindustrien, weiter zunehmen. Kontinentaleuropa (ex Schweiz) wird Verlierer innerhalb des Westens bleiben. Zudem ist Kontinentaleuropa bei Ausweitung des Ukraine-Konflikts potentielles „Theatre of war“.

Indien liefert derzeit in Asien die stärksten Datensätze. Inwieweit das aggressive US-Zollregime gegen Indien diese Performance stören kann, ist offen. Frühindikatoren reagierten bisher nicht oder kaum.

Die wirtschaftsfreundliche Grundausrichtung der Regierung Chinas stabilisiert den regionalen Ausblick im Hinblick auf die exogenen Herausforderungen. Weitere Zinssenkungen zur stärkeren Stimulanz sind im Hinblick auf den hohen positiven Realzins jederzeit möglich. Die Daten Chinas sollten vor diesem Hintergrund weiter von Stabilität mit positivem Grundton geprägt sein.

Die in die Zukunft gerichteten Wirtschaftsdaten deuten in Richtung einer zunehmenden Dynamik der Weltkonjunktur. Der von JP Morgan für die Weltwirtschaft ermittelte Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft (Global Composite PMI) signalisierte per August 2025 mit 52,9 Punkten den höchsten Indexwert seit 14 Monaten, solides Wachstum implizierend. Der Dienstleistungssektor trug dazu wesentlich bei.

Der Einkaufsmanagerindex (PMI) signalisiert in dem Sektor des Verarbeitenden Gewerbes für die USA mit 52,0 Punkten (S&P Index) Expansion. Dagegen implizieren die PMIs für die Eurozone mit 49,5 Punkten (Deutschland 48,5), für Japan mit 48,4 Zählern und das UK mit 46,2 Zählern Kontraktion.

Die aktuell verfügbaren Werte der Länder des Globalen Südens für diesen Sektor belegen für  Indien mit 57,5 Zählern starke Expansion (Industrieproduktion +4,0 %), dagegen für China mit 49,8 Punkten (Industrieproduktion +5,2 %), für Russland  mit 48,7 Zählern (Industrieproduktion +0,5 %)  und für Brasilien mit 47,7 Punkten (Industrieproduktion +0,2 %) Kontraktion.

Der Dienstleistungssektor bewegte sich im 3. Quartal 2025 laut Einkaufsmanagerindizes in einer Gesamtbetrachtung im erhöhten Wachstumsmodus und sorgte für die gute Performance der Einkaufsmanagerindices bezüglich der Gesamtwirtschaft (Composite Indices). 

Tabelle 2: Einkaufsmanagerindizes des Dienstleistungssektors im Vergleich

LandJuni 2025 Dienstleistungen finale WerteSeptember 2025 Dienstleistungen vorläufige Werte oder August final
Eurozone50,551,4
Deutschland49,752,5
UK52,854,2
USA52,953,9
Japan51,753,0
Indien60,461,6
China (NBS Index)
China (RatingDog Index)
50,1
50,6
50,0
52,9
Russland49,250,0
Brasilien49,349,3

Der Dienstleistungssektor ist der bedeutendste Sektor der Gesamtwirtschaft mit einem Anteil zwischen 60%-70% der Gesamtwirtschaft. Dieser Sektor war im 3. Quartal 2025 der entscheidende Katalysator des Wachstums. Das wird sich im 4. Quartal 2025 fortsetzen.

Die vollzogenen Zinssenkungen als auch die Erwartung weiterer Zinssenkungen liefern für die Verstetigung der Wirtschaftsaktivität grundsätzlich Unterstützung. Neben den damit einhergehenden reduzierten Finanzierungskosten am Geldmarkt (bis zu 12 Monaten) ergibt sich eine psychologische Unterstützung für die Wirtschaftsakteure durch die Zinssenkungen.

Die im 3. Quartal 2025 verfügte Leitzinssenkung seitens der Federal Reserve (0,25 %) hatte leichte Traktion am Rentenmarkt, dagegen verpuffte die Leitzinssenkung der Bank of England (0,25%). Damit stand der Entlastung am Geldmarkt, die wichtig für die Finanzierung des Umlaufvermögens ist, eine überschaubare Entlastung am US-Kapitalmarkt und keine Entlastung am britischen Rentenmarkt gegenüber (Investitionen).

Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe stieg im Quartalsvergleich von 2,60 % auf aktuell 2,72 % und die 10-jährige britische Staatsanleihe von 4,48 % auf 4,70 %. Anders war das in den USA. Dort kam es im 3. Quartal 2025 zu einem Rückgang von 4,21 % auf 4,15 %.

Der Industrierohstoffsektor hatte auf die Weltwirtschaft und die Weltfinanzmärkte keine belastenden Auswirkungen. Ölpreise waren wenig verändert, Gaspreise rückläufig und Industriemetallpreise leicht ansteigend.

Dagegen ergaben sich im Sektor Agrarrohstoffe bei Weizen (+21,9 %), Kaffee (+21,3 %), Orangensaft (+8,8 %) und Zucker (+3,5 %) Preisanstiege. Kakao (-25,2 %) war dagegen deutlich günstiger. Die maßgeblichen Inflationstreiber waren im 3. Quartal 2025 die Lebensmittelpreise.

Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft hängt an der internationalen Politik (Zoll- und Geopolitik), aber auch an den Notenbanken bezüglich der Zinspolitik. Entspannung bei diesen Themen eröffnet der Weltwirtschaft und den Finanzmärkten positives Potential.

Die Spreizung bezüglich der potentiellen Konjunkturentwicklungen zwischen den Industrienationen und den Schwellenländern setzt sich fort.

Die Spreizung der Konjunkturentwicklungen innerhalb der Eurozone zu Lasten Deutschlands wird ohne massive Umsteuerung in Berlin nicht abnehmen. Frankreich ist gefordert, erscheint aber politisch gelähmt. Die Vorzeichen für die Eurozone und die EU sind kritisch.

Der Finanzmarkt und die Wirtschaft

An den Finanzmärkten ergaben sich im Sommerquartal 2025 teilweise starke Neubewertungen.

Die stabile bis leicht freundliche globale Konjunkturlage war neben den Zinssenkungen der Federal Reserve und der Bank of England wesentlich verantwortlich für die überwiegend freundliche Performance der Aktienmärkte, insbesondere in den USA und in Fernost ex Indien. Die geowirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen und/oder Eskalationen stellten im 3. Quartal 2025 nur kurzfristige Belastungen für die Aktienmärkte dar.

Am Rentenmarkt waren die Reaktionen ob des Risikoclusters nachhaltiger. Hier ergaben sich ex USA überschaubare Renditeanstiege. Bezüglich der prekären politischen als auch haushaltstechnischen Lage Frankreichs, aber auch des UK erschienen die Renditestände trotz des überschaubaren Renditeanstiegs in Europa zunächst widerstandsfähig zu sein. Bemerkenswert waren die Bewertungen der nicht korrelierten Anlageklassen Gold, Silber und Bitcoin. Sie legten markant zu. Erkennbar ist, dass Sachwerte oder nicht korrelierte Anlagen (Aktien, Gold, Silber, Bitcoin) im 3. Quartal 2025 gefragt waren. Versicherungen waren „en vogue“.

Aktienmärkte: Aktienmärkte legten überwiegend zu

Das Sommerquartal war an den Aktienmärkten weit überwiegend von einer positiven Grundtendenz geprägt. Der MSCI-World Index konnte im Quartalsvergleich um 6,96 % zulegen.

Europas Märkte zogen den MSCI-Index nach unten. Der DAX verlor 0,12 % und der EuroStoxx 50 legte mit 4,40 % im Vergleich zum MSCI World unterproportional zu.

US-Märkte performten oberhalb des Anstiegs des MSCI World Index um die 8 % oszillierend. Treiber des Anstiegs waren die Märkte in Fernost ex Indien, insbesondere der Aktienmarkt Chinas (+17,9 %), aber auch der Hangseng Index (+11.56 %) und der Nikkei Index (+10,98 %). Indiens Markt ist weiter in einem Korrekturmodus (-4,00 %).

Tabelle 3: Vergleich der Aktienmärkte auf Quartalssicht

Index30.06.202530.09.2025Veränderung
MSCI World4.026,444.306,70+6,96 %
DAX (Xetra)23.909.,6123.880,72-0,12 %
EuroStoxx 505.309,135.542,99+4,40 %
S&P 5006.204,956.686,36+7,76 %
US Tech 10022.676,0124.679,77+8,82 %
Nikkei Index40.487,3944.932,63+10,98 %
CSI Index3.936,084.640,69+17,90 %
HangSeng Index24.072,2826.855,56+11,56 %
Sensex Index83.606,4680.267,62-4,00 %

Im 3. Quartal 2025 wirkten unterschiedliche Katalysatoren auf die Aktienmärkte. Grundsätzlich unterstützte eine Hinwendung der Marktakteure zu Sachwerten, zu denen Aktien gehören. Die stabile bis freundliche Konjunkturlage lieferte keinen Gegenwind. Ebenso generierten Unternehmensdaten keine nachhaltigen negativen Überraschungen. Befürchtungen starker Inflationsimpulse durch die US-Zollpolitik bestätigten sich im Quartalsverlauf zunächst nicht. Der Beginn des Zinssenkungszyklus in den USA wirkte insbesondere auf US-Märkte unterstützend. So markierten der S&P 500 und der US Tech 100 im letzten Drittel des Septembers 2025 neue historische Höchstmarken. Die Entscheidung der US-Regierung, sich an Unternehmen zu beteiligen, wirkte sich unterstützend auf individuelle Werte und auf den Gesamtmarkt aus (u.a. Intel). Die US-Zoll- und Sanktionspolitik ist bisher erfolgreich. Die USA setzten sich gegenüber der EU, Japan und Südkorea mit einem „Diktat“ durch. Die Bedingungen für US-Exporte haben sich drastisch verbessert, während die Exportchancen der betroffenen Länder markant reduziert sind. Die Zusagen massiver Energiekäufe in den USA und Investitionen der drei genannten Länder in den USA implizieren darüber hinaus für die gesamte US-Wirtschaft perspektivisch einen höheren Potenzialwachstumspfad. Die Revisionen des US BIP im 2.Quartal 2025 von 3,0 % auf 3,8 % belegen die Stärke der US-Wirtschaft gegenüber anderen Industrienationen. Laut GDP Now der Federal Reserve Atlanta liegt der aktuelle Prognosewert für das 3. Quartal 2025 bei 3,9 %.

Die unterproportionale Performance der europäischen Aktienmärkte erklärt sich über die verschlechterten Terms of Trade in Kontinentaleuropa im internationalen Vergleich. Dazu gehört auch eine nachteilige Aufstellung im Energiesektor bezüglich der Energiepreise und der nachhaltigen Versorgungssicherheit. Die Stärke der Reformländer kann nicht die Schwäche der Kernländer ausgleichen. Ausbleibende Reformen und politische Unsicherheiten in Frankreich und Deutschland reduzierten die Attraktivität der hiesigen Aktienmärkte. Zudem belastet das Risiko, dass bei fortgesetzter Eskalation im Ukrainekrieg Kontinentaleuropa zum „Theatre of War“ mutieren kann.

Die Aktienmärkte in Fernost waren ex Indien die erfolgreichsten Märkte. Die Bereitschaft der Marktteilnehmer, sich in China und Hongkong stärker zu engagieren, korreliert mit der Erkenntnis, dass China sich bisher relativ erfolgreich gegen das US-Zolldiktat wehren konnte und die Wirtschaft von den US-Zöllen und US-Sanktionen nur überschaubar betroffen war. Der Nikkei-Index profitierte zuletzt von einer entspannteren Inflationssituation in Japan und stabiler Performance der Wirtschaft. Indiens Aktienmarkt war der Verlierer. Die US-Zölle und die US-Drohkulisse gegen Indien wegen der etablierten Geschäftsbeziehung zu Russland wirken belastend.

Für das Herbstquartal liegt der Fokus der Märkte auf Geopolitik, auf Entwicklungen in der US-Zoll- und Sanktionspolitik, Unternehmensdaten als auch der US-Zinspolitik.

Rentenmärkte: US-Märkte genießen mehr Vertrauen

Die Rentenmärkte der USA und Europas zeigten sich im Verlauf des 3. Quartals 2025 in unterschiedlicher Verfassung. Während in den USA im Quartalsvergleich ein zarter Renditerückgang verzeichnet wurde, kam es in Europa, Japan und China zu leichten Renditeanstiegen.

In den USA bildeten sich die Renditen seit Mitte Juli ausgehend von 4,50 % zurück. Dagegen ergab sich in Europa auf den erhöhten Niveaus eine Seitwärtsbewegung oder sogar Renditeanstiege in diesem Zeitraum (Frankreich). Diese korreliert mit den Problemen Frankreichs, aber auch mit dem Reformmangel der Kernländer. Der hohe positive Realzins (siehe Grafik) von 2,74 % ist Ausdruck der französischen Krisenlage.

Ergo genießen die US-Märkte höheres Vertrauen an den internationalen Kapitalmärkten. Unterstützend wirkte die Einleitung des US-Zinssenkungszyklus. Die Zinssenkung der Bank of England hatte ähnlich wie zuletzt bei den EZB-Zinssenkungen keine entlastende Wirkung auf die Kapitalmarktrenditen.

Mit den verbesserten Rahmendaten in den USA und den sich verschlechternden Rahmendaten für Europa sollte sich das Vertrauen in die US-Kapitalmärkte auch hinsichtlich des im Vergleich attraktiven US-Realzinses fortsetzen.

Tabelle 4: Vergleich der Rendite-Entwicklungen an den Rentenmärkten

Rendite 30.06.2025Rendite 30.09.2025Verbraucherpreise (CPI)Realzins (Rendite-CPI)
10 jährige US-Staatsanleihen4,21 %4,15 %+2,9 % (Mai)+1,25 %
10 jährige Bundesanleihen2,60 %2,72 %+2,4 % (Juni)+0,32 %
10 jährige Staatsanleihen Frankreich3,29 %3,54 %+0,8 %+2,74 %
10 jährige britische Gilts4,48 %4,70 %+3,8 % (Mai)+0,90 %
10 jährige Staatsanleihen Japan1,43 %1,65 %+2,7 % (Mai)-1,05 %
Devisenmärkte: Eurostärke bemerkenswert, Gold und Silber stehlen die Show!

Der Euro konnte im 3. Quartal 2025 weitgehend die vorherige Stärke, insbesondere gegenüber dem USD und CHF, verteidigen und sogar gegenüber dem JPY und GBP leicht ausbauen. Hinsichtlich der unterproportionalen Performance der europäischen Aktien- und Rentenmärkte gegenüber den USA als auch der Tatsache, dass Produktionskapazitäten aus der Eurozone in die USA verlagert werden, stellt sich die Frage, welche Kapitalströme zu dieser Euro-Performance führen. Das gilt umso mehr, als dass sich die geowirtschaftlichen Bedingungen durch die US-Zollpolitik für die Eurozone markant verschlechterten und die Leistungsertüchtigung der USA bezüglich der Wachstumsdaten unerwartet und bemerkenswert war und ist.

Die Resilienz des Euros ist im Vergleich zu Gold, Silber und Bitcoin unwesentlich. Der Zerfall des globalen Organigramms und die US-Abkehr vom rechtsbasierten System erhöhte markant die Attraktivität nicht korrelierter Anlageklassen, allen voran von Gold („Währung ohne Fehl und Tadel“) als auch des Silbers („das Gold des kleinen Mannes“).

Tabelle 5: Devisenkursentwicklungen

30.06.202530.09.2025Veränderung
EUR-USD1,17861,1736-0,42 %
EUR-JPY169,65173,51+2,28 %
EUR-CHF0,93430,9338-0,05 %
EUR-GBP0,85780,8728+1,75 %
Bitcoin/USD107.171,00114.192,00+6,55 %
Gold/USD3.302,293.858,41+16,84 %

Fazit: Die Stärke und Resilienz des Euros stach im 3. Quartal 2025 hervor und verdient sich den Begriff „bemerkenswert“. Belastende Daten und Fakten perlten ohne Wirkung ab. Die Performance von Gold und Silber als auch Bitcoin belegten die Nachfrage nach nicht korrelierten Anlagen mit Versicherungscharakter.    

Folker Hellmeyer

Chefvolkswirt der Netfonds AG

                                                               

Gastbeitrag von Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt Netfonds AG

US Zoll- und Geopolitik sorgen nur temporär für Verwerfungen an den Märkten, die Weltwirtschaft verliert an Dynamik

Das 2. Quartal 2025 war gekennzeichnet von Verwerfungen durch die US-Zollpolitik und Geopolitik, allen voran dem fortgesetzten Gaza-Konflikt und den Angriffen seitens Israels und der USA auf den Iran und der zunächst temporären Befriedung dieses Iran-Israel-USA-Konflikts. Der Ukraine-Konflikt setzte sich im 2. Quartal fort, ohne dass ein kurzfristiges Ende des Konflikts erkennbar ist. Das Thema China versus Taiwan stand kaum im Fokus.

Die US-Zollpolitik war und ist bezüglich des Themas Wirtschaft einer der entscheidenden Belastungsfaktoren. Zölle sind administrierte Preiserhöhungen. Sie belasten grundsätzlich die Wirtschaftssubjekte und das Potenzialwachstum. Die USA schlossen im 2. Quartal erfolgreich ein Handelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich. Mit China wurde der Handelskonflikt entschärft. Die Verhandlungen mit der EU laufen und sollen laut aktuellen Meldungen zum Quartalsende eine positive Grundtendenz aufweisen. Dagegen eskalierten die Verhandlungen zum Quartalsende zwischen den USA und Kanada. Die USA brachen die Handelsgespräche ab. Kanada knickte daraufhin bei der Digitalsteuer ein, sodass Gespräche fortgesetzt werden können. Das Thema der US-Zollpolitik bleibt trotz teilweiser Lösungen ein latenter Belastungsfaktor sowohl für die realwirtschaftliche Entwicklung als auch für die Finanzmärkte.

In der Folge dieser Rahmenbedingungen verkürzte der Internationale Währungsfonds (IWF) die globale Wachstumsprognose im World Economic Outlook per April 2025 deutlich von bisher 3,3 % auf 2,8 % für das laufende Jahr. Für die Industrieländer und den Globalen Süden lagen die negativen Anpassungen jeweils bei 0,5 %. Innerhalb der Industrienationen wurde die BIP-Prognose für die USA markant um 0,9 % auf jetzt 1,8 % gesenkt. Dagegen lag die Revision der BIP-Daten der Eurozone bei „nur“ -0,2 % auf jetzt 0,8 %. Die deutsche BIP-Prognose wurde um 0,3 % auf 0,0 % herabgesetzt. Unter den bedeutenden Ländern schneidet laut aktuellen Prognosen des IWF nur Mexiko mit -0,3 % Kontraktion des BIP schlechter ab.

Unter Zugrundelegung der aktuellen Einkaufsmanagerindices (Sentiment-Indikatoren, Frühindikatoren, Scheidewert zwischen Wachstum und Kontraktion 50 Punkte) als Bewertungsmaßstab ergibt sich in der westlichen Welt zum Ende des 2. Quartals 2025 ein positives Gesamtbild. Die USA führen im gesamtwirtschaftlichen Zuschnitt (Composite Index) bezüglich der westlichen Industrienationen oder Industrieregionen mit 52,8 Zählern vor Japan mit 51,4 Punkten, Großbritannien mit 50,7 Punkten und der Eurozone mit 50,2 Zählern. Unter den bedeutenden Wirtschaftsnationen der Welt rangiert Indien weiter auf dem 1. Rang mit 61,0 Punkten. Chinas Composite Index stellte sich auf 50,7 Zähler.

Die Inflationsentwicklungen lieferten im 2. Quartal 2025 überwiegend leichte Entspannungssignale mit Ausnahme des UK. Im Quartalsvergleich sank der Ölpreis (Brent) von 74,67 USD um rund 11 % auf 66,41 USD (Stichtag für alle Rohstoffe 27. Juni), nachdem zuvor am 22. Juni 2025 Höchstkurse bei 85,76 USD (Kontext Angriff auf Iran) markiert wurden. Bei den Erdgaspreisen ergab sich in Europa ein Rückgang um gut 19 % im Quartalsvergleich, in den USA ein Einbruch um rund 26 %. Bei Industriemetallen dominierten fallende Preise. Kupferpreise gaben im Quartalsvergleich auf EUR-Basis um gut 3,7 % nach. Bei Nickel lag das Minus auf EUR-Basis bei rund 11 %. Bei Aluminium kam es auf EUR-Basis zu einem Rückgang in Höhe von rund 4,2 %.

In der Eurozone ergab sich als Konsequenz ein Rückgang der Verbraucherpreise in der Phase von März 2025 bis Mai von 2,2 % auf 1,9 %. In den USA verharrte der Anstieg im Jahresvergleich bei 2,4 %. Großbritannien verzeichnete dagegen von März 2025 bis Mai 2025 einen signifikanten Anstieg von 2,6 % auf 3,4 %. In Japan nahmen die Verbraucherpreise in diesem Zeitfenster von 3,6 % auf 3,5 % ab. Im Verlauf des 2. Quartals 2025 ergab sich in China ein Deflationsszenario mit einem Rückgang der Verbraucherpreise um 0,1 % und einem Rückgang der Erzeugerpreise um 3,3 %.

Das 2. Quartal 2025 war bezüglich der Zentralbankpolitik gekennzeichnet von zwei Zinssenkungen in der Eurozone um jeweils 0,25 % auf aktuell 2,00 % (Anlagezins). Die US-Notenbank verzichtete auf weitere Zinsschritte und nahm eine abwartende Haltung ein (Fed Funds Satz 4,375 %). Im UK kam es zu einer Senkung um 0,25 % auf jetzt 4,25 %. Japans Notenbank verweigerte weitere Zinserhöhungen (aktuell 0,50 %). In China wurden die Zinssätze für die „Loan Prime Rates“ wegen der Deflationslage leicht um jeweils 0,10 % reduziert (1-jährige Kredite jetzt 3,00 %, 5-jährige Kredite aktuell 3,50 %). 

LänderAktuell verfügbarer Wert Monat März 2025
USA: Verbraucherpreise (J) Erzeugerpreise (J)   2,4 % (Mai) 2,6 % (Mai)  2,4 % 2,7 %
Eurozone: Verbraucherpreise (J) Erzeugerpreise (J)   1,9 % (Mai) 0,7 % (April)  2,2 % 1,9 %
Deutschland Verbraucherpreise (J) Erzeugerpreise (J)    2,0 % (Juni vorläufig) -1,2 % (Mai)   2,2 % -0,2 %
UK Verbraucherpreise (J)  3,4 % (Mai)  2,6 %
China Verbraucherpreise (J) Erzeugerpreise (J)   -0,1 % (Mai) -3,3 % (Mai)  -0,1 % -2,5 %
Tabelle 1: Entwicklung der Verbraucher- und Erzeugerpreise

Fazit: Die Weltwirtschaft verliert wegen der geopolitischen Krisenherde und der disruptiven US-Zollpolitik bedeutungsvoll an Dynamik. Die Konjunkturverläufe zwischen den Wirtschaftsräumen des Westens und des Globalen Südens bleiben weiter markant pro Globalem Süden ausgerichtet.

Während sich der „Globale Süden“ untereinander weiter globalisiert und organisiert (zuletzt Annäherung Indien/China), Effizienzen erhöht und Wachstumspotenziale generiert, läuft der „Westen“, allen voran Europa, das Risiko durch Abgrenzungspolitik gegenüber China und Russland unterproportional zu wachsen.

Die Neuausrichtung der USA zur Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Kooperation mit Russland, die wiederholt von US-Präsident Trump in Aussicht gestellt wurde, mag der US-Wirtschaft bei Umsetzung weitere Vorteile gegenüber der Ökonomie Europas verschaffen. Zudem war Trump seit seiner Amtseinführung im Januar sehr erfolgreich, Investitionen und Geschäftsvolumen in die USA zu lotsen (KI bis zu 3 Billionen USD, Pharmasektor circa 230 Mrd. USD, Saudi-Trip bis zu 2 Billionen USD).

Die Perspektive: 2025, weiter ein Jahr der Turbulenzen

Die von den USA ausgehenden geopolitischen und wirtschaftlichen Turbulenzen wirken sich grundsätzlich auf die globale Wirtschaftsaktivität fortgesetzt belastend aus. Ein schneller Lastwechsel in Richtung verstärkten Wachstums ist vor dem aktuell verfügbaren Nachrichten- und Datenhintergrund unwahrscheinlich. Weitere von den USA ausgehende Turbulenzen sind im Rahmen der gewollten Disruption zur Neugestaltung des Welt-Organigramms zu Gunsten von US-Interessen latent möglich.

In diesem Kontext konstatierte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ, Zentralbank der Zentralbanken), dass die Weltwirtschaft nach ihrer Einschätzung vor einer neuen Ära der Unsicherheit stehe. Zunehmende Handelskonflikte und geopolitische Spannungen gefährdeten das globale Finanzsystem laut jüngst veröffentlichtem Jahresbericht. Der von den USA vorangetriebene Handelskrieg und andere politische Weichenstellungen zerfaserten die etablierte Wirtschaftsordnung. Dies stelle auch das Vertrauen der Öffentlichkeit in Institutionen wie die Zentralbanken auf die Probe. In dem Jahresbericht warnte die BIZ eindringlich vor der weltweit steigenden Staatsverschuldung. Dieser Trend könne nicht so weitergehen. Zudem trügen die Alterung der Bevölkerung, der Klimawandel und Probleme in den Lieferketten zu einem unbeständigeren Umfeld bei.

Nicht nur die seitens der USA mit Zöllen belegten Länder sind und bleiben ökonomischen Stresszuständen ausgeliefert. Die Daten aus den USA belegen, dass die US-Wirtschaft holpert. So sank die Kapazitätsauslastung der US-Industrie von März auf Mai 2025 von 77,8 % auf 77,4 %. Der S&P Composite Index, der mit 52,8 Punkten solides Wachstum der Gesamtwirtschaft impliziert, scheint die Realität nur in Teilen abzubilden. So bleibt der US-Immobiliensektor in einem rezessiven Umfeld gefangen, messbar am Index der anhängigen Hausverkäufe (tiefste Niveaus der letzten 25 Jahre) oder dem NAHB Housing Market Index (Tiefststand seit 12/2022). Auch die Daten des die US-Wirtschaft tragenden Sektors der Dienstleistungen sind ambivalent. Der Einkaufsmanagerindex des Dienstleistungssektor nach Lesart des ISM notierte per Mai bei 49,9 Punkten (zarte Kontraktion), während der Index, der von S&P für diesen Sektor erhoben wird, mit 53,7 Zählern solides Wachstum impliziert. Derartige Divergenzen forcieren keine Zuversicht für die Realwirtschaft und die Finanzmärkte. Trumps massive Erfolge, Investitionen in die USA zu leiten, spielen auf kurze Sicht eine untergeordnete Rolle, sie haben mittel- und langfristigen positiven Charakter. Unterschwellig unterstützend wirken in den USA die Themen Energieversorgungssicherheit und insbesondere im Vergleich zu Europa günstige Energiepreise.

Bezüglich der Ukraine-Krise bleiben die USA determiniert, Frieden zu schaffen, was insbesondere für Europa Potenzial (Aspekte Kosten, Wirtschaftspotenzial) erhöhen würde. Die Politik seitens des UK, Frankreichs, Deutschlands und der EU wirkt trotz unterstützender Lippenbekenntnisse jedoch faktisch gegen diese Entwicklung. Ergo steht dieser positive Katalysator voraussichtlich weiter zeitnah nicht zur Verfügung.

Die Nahostlage bleibt kritisch. Die zunächst temporäre Befriedung des Iran-Israel-USA-Konflikts wirkt positiv. Anders der Gaza-Konflikt, er bleibt virulent und ungelöst.

Die beiden Schwergewichte der EU, Deutschland und Frankreich, sind mangels umfassender Reformpolitik weiter Belastungsfaktoren in der Eurozone. Die ehemaligen Problemländer sind dank der Reformen heute die Stabilisatoren der Eurozone.

Die Wahlen in Deutschland haben sich bezüglich der zu erwartenden Inhalte der neuen Regierung bisher als wenig belastbar erwiesen. Wortbrüche und Brüche des Koalitionsvertrags (zuletzt Stromsteuer) pflastern den Weg der neuen schwarz-roten Koalition und unterminieren das Vertrauen von Wirtschaft und Bürgern. Das Risiko, dass Deutschland die EU und Eurozone nach unten zieht, ist und bleibt gegeben. Fehlende Konkurrenzfähigkeit bei den Rahmendaten wird bestenfalls unterproportional seitens Deutschlands, Frankreichs und der EU adressiert.

Die in China aufgelegten Konjunkturprogramme und die wirtschaftsfreundliche Grundausrichtung der Regierung stabilisieren den regionalen Ausblick im Hinblick auf die exogenen Herausforderungen. Weitere Zinssenkungen zur stärkeren Stimulanz sind im Hinblick auf den hohen positiven Realzins jederzeit möglich. Die Daten Chinas sollten vor diesem Hintergrund weiter von Stabilität mit positivem Grundton geprägt sein.

Die in die Zukunft gerichteten Wirtschaftsdaten deuten in Richtung einer Dynamikabschwächung der Konjunktur. Der von JP Morgan für die Weltwirtschaft ermittelte Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft (Global Composite PMI) signalisierte per Mai 2025 mit 51,2 Punkten versus Februar 2025 mit 51,5 Punkten zunächst überschaubare Momentum-Verluste.

Die Einkaufsmanagerindices (PMIs) signalisieren in dem Sektor des Verarbeitenden Gewerbes für die USA mit 52,0 Punkten (S&P Index) und für Japan mit 50,4 Zählern Expansion. Dagegen ergeben sich in der Eurozone laut Definition des Index mit 49,4 Punkten (Deutschland 49,0) und im UK mit 47,7 Zählern Kontraktion.

Die aktuell verfügbaren Werte der Länder des Globalen Südens für diesen Sektor aus Indien (58,4) und aus Russland (50,2) implizieren Wachstum. Dagegen implizieren die Werte aus China (49,7) und aus Brasilien (49,4) Kontraktion.

Der Dienstleistungssektor bewegte sich im 2. Quartal 2025 laut Einkaufsmanagerindices in einer Gesamtbetrachtung im Quartalsvergleich ex Deutschland und Brasilien im Wachstumsmodus.  

LandJuni 2025   Dienstleistungen, vorläufige WerteMärz 2025 Dienstleistungen, finale Werte 
Eurozone50,051,0
Deutschland:49,450,9
UK:51,352,5
USA:53,154,4
Japan: 51,550,0
Indien: 60,758,5
China (NBS Indices)50,450,8
Russland52,2 (Mai)50,1
Brasilien49,6 (Mai)52,5
Tabelle 2: Einkaufsmanagerindizes des Dienstleistungssektors im Vergleich

Der Dienstleistungssektor ist der bedeutendste Sektor der Gesamtwirtschaft mit einem Anteil zwischen 60 %-70 % der Gesamtwirtschaft. Dieser Sektor war im 2. Quartal 2025 losgelöst vom partiellen Dynamikverlust zumeist der entscheidende Katalysator des Wachstums. Das wird sich im dritten Quartal 2025 fortsetzen.       

Die vollzogenen Zinssenkungen als auch die Erwartung weiterer Zinssenkungen liefern für die Verstetigung der Wirtschaftsaktivität grundsätzlich Unterstützung. Neben den damit einhergehenden reduzierten Finanzierungskosten am Geldmarkt (bis zu 12 Monaten) ergibt sich eine psychologische Unterstützung für die Wirtschaftsakteure durch die Zinssenkungen.

Die im 2. Quartal 2025 verfügten Leitzinssenkungen seitens der EZB (0,50 %) und der Bank of England (0,25 %) hatten jedoch auf den Rentenmärkten nur partielle Traktion. Damit stand der Entlastung am Geldmarkt, die wichtig für die Finanzierung des Umlaufvermögens ist, eine überschaubare Entlastung am Kapitalmarkt gegenüber (Investitionen).

Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe sank im Quartalsvergleich von 2,73 % auf aktuell 2,60 % und die 10-jährige britische Staatsanleihe von 4,68 % auf 4,48 %. Anders war das in den USA. Dort kam es nach dem Renditeverfall im 1. Quartal 2025 zu einer Seitwärtsbewegung (4,21 %). Die US-Notenbank verzichtete fortgesetzt auf Zinssenkungen.

Der Rohstoffsektor hatte auf die Weltwirtschaft und die Weltfinanzmärkte leicht unterstützende Auswirkungen im Rahmen von Preisrückgängen insbesondere in den Sektoren Energie und Industriemetallen im 2. Quartal 2025.

Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft hängt an der internationalen Politik (Zoll- und Geopolitik), aber auch an der US-Notenbank bezüglich der Zinspolitik. Entspannung bei diesen Themen eröffnet der Weltwirtschaft und den Finanzmärkten positives Potential. 

Die Spreizung bezüglich der potentiellen Konjunkturentwicklungen zwischen den Industrienationen und den Schwellenländern setzt sich fort.

Die Spreizung der Konjunkturentwicklungen innerhalb der Eurozone zu Lasten Deutschlands wird ohne massive Umsteuerung in Berlin nicht abnehmen. Das bisherige Reformpaket weist in die richtige Richtung, ohne jedoch Primärursachen (u.a. Energie) zu bereinigen.

Das Risiko einer deutschen konjunkturellen „Scheinblüte“ mit konsumtiven ökonomischen Einmaleffekten anstelle von investiven Multiplikatoreffekten (Generierung von Steuersubstrat) steht im Raum, wenn die strukturellen Kernursachen nicht adressiert werden.  

Der Finanzmarkt und die Wirtschaft

An den Finanzmärkten ergaben sich im Frühjahrsquartal teilweise starke Neubewertungen. Losgelöst von der schwächeren globalen Konjunkturdynamik und den geowirtschaftlichen als auch geopolitischen Herausforderungen waren Risikoaktiva nach dem 8. April gefragt.

Die Erholung korrelierte nach dem Zollschock mit der Erkenntnis, dass US-Präsident Trump eine pragmatische Herangehensweise in den Zollkonflikten einschlug, um potentielle Schäden für die US-Wirtschaft zu minimieren, aber ohne seine Zielprojektionen aufzugeben. Die geopolitischen Eskalationen, allen voran der Angriff auf den Iran durch Israel und die USA, hatten keine nachhaltige Risikoaversion zur Folge.                  

Aktienmärkte: Aktien legten zu, Divergenzen bei der Amplitude

Das Frühjahrsquartal war an den Aktienmärkten von einem hohen Maß an Heterogenität bei positiver Grundtendenz geprägt. Der MSCI-World Index konnte im Quartalsvergleich um 10,96 % zulegen. Die US-Märkte stachen positiv hervor, gleiches gilt für den Nikkei Index. Die europäischen Märkte generierten eine heterogene Performance. Der DAX stieg deutlich, der EuroStoxx 50 mühte sich auf leicht positives Terrain. Auch der indische Aktienmarkt reüssierte. Dagegen lieferten sowohl der Hangseng (Hongkong) als auch der CSI 300 (Festlandchina) zwar eine positive, aber unterproportionale Entwicklung. 

Index30.06.202531.03.2025Veränderung   
MSCI World4.026,443.628,64+10,96 %
DAX (Xetra)23.909,6122.163,49+7,88 %
EuroStoxx 505.309,135.273,90+0,67 %
S&P 5006.204,955.610,09+10,60 %
US Tech 100 22.679,0119.272,39+17,68 %
Nikkei Index40.487,3935.617,56+13,67 %
CSI Index3.936,083.887,31+1,25 %
HangSeng Index24.072,2823.119,58+3,92 %
Sensex Index83.606,4677.414,92+8,00 %
Tabelle 3: Vergleich der Aktienmärkte auf Quartalssicht; © Netfonds AG

Im 2. Quartal 2025 zerstreuten sich die Ängste, die im März 2025 aufkamen, dass die so genannten „Trump-Trades“ zur Disposition stünden. Aktien und Krypto-Anlagen lieferten eine starke Performance gekoppelt an den Pragmatismus Trumps in den Zollkonflikten. Auch das Thema der US-Leitzinssenkungen wurde zum Ende des 2. Quartals 2025 hoffähiger. Im Raum stehen zwei Zinssenkungen im weiteren Jahresverlauf.

Trotz der Verluste in der globalen Wirtschaftsdynamik lief die Berichtssaison der Unternehmen positiv. In der Berichtssaison setzten insbesondere US-Techwerte positive Akzente, allen voran Microsoft und Alphabet. In der Folge waren insbesondere US-Aktienmärkte nachgefragt.

Die Leitzinssenkungen der EZB und der Bank of England verfehlten zwar eine umfassende Wirkung am Rentenmarkt, sie wurden dennoch vom Aktienmarkt goutiert. Die anhaltenden Anpassungen internationaler Portfolien zu Gunsten europäischer Titel bleibt ein hintergründiger Unterstützungsfaktor.

Die Aktienmärkte in Fernost generierten kein einheitliches Bild. Der Nikkei-Index (Japan) stieg signifikant nach der Schwäche im 1.Quartal 2025. Der indische Markt (Sensex) hat sich deutlich erholt. Anzeichen eines Endes der mehr als ein Jahr dauernden Konsolidierung sind gegeben. Dagegen liefen sowohl die Märkte Festlandchinas (CSI 300) als auch Hongkongs der Performance hinterher. Beide Märkte, aber vor allen Dingen Festlandchina, werden aus politischen Gründen weniger stark in Portfolien berücksichtigt. Für das Sommerquartal gilt es, die Wendungen in der Geopolitik und in der Zollpolitik eng zu begleiten. Entspannungen liefern Aufwärtspotenzial.

Rentenmärkte: Fallende Renditen in Europa, Seitwärtsbewegung in den USA

Die Rentenmärkte der USA und Europas zeigten sich im Verlauf des 2. Quartals 2025 in unterschiedlicher Verfassung.

Augenfällig war und ist, dass die Zinssenkungen der EZB und der Bank of England im 2.Quartal 2025 am Rentenmarkt nur partiell verfingen. Offenbar gibt es ein Vertrauensdefizit der Märkte gegenüber den beiden Zentralbanken, aber auch begründete Sorgen bezüglich der öffentlichen Haushaltspolitiken in Europa.

Die Verweigerung der Fed, Zinsen trotz repressiven Realzinses um die Marke von +2 % (EUR +0,10 %, Japan -3,0 %) zu senken, verhinderte eine positive Performance der US-Staatsanleihen.

 Rendite 31.03.2025Rendite 30.06.2025Verbraucherpreise (CPI)Realzins (Rendite – CPI)
10-jährige Staatsanleihen Chinas      1,87 %1,65 %-0,1 % (Mai)+1,75 %
10-jährige britische Gilts      4,68 %4,48 %+3,4 % (Mai)+1,08 %
10-jährige Bundesanleihen      2,73 %2,60 %+2,0 % (Juni)+0,60 %
10-jährige Staatsanleihen Japans      1,47 %1,43 %+3,5 % (Mai)-2,07 %
10-jährige US-Staatsanleihen      4,21 %4,21 %+2,4 % (Mai)+1,81 %
Tabelle 4: Vergleich der Rendite-Entwicklungen an den Rentenmärkten; © Netfonds AG

Fazit: Die nicht gegebene Traktion der Kapitalmärkte auf die Leitzinssenkungen im 1. Quartal 2025 wich einer unterproportionalen Traktion der Leitzinssenkungen europäischer Notenbanken im 2. Quartal 2025. Damit nahm die Steilheit der Zinskurven zu.

Der Verzicht der US-Notenbank auf Zinssenkungen verhinderte Renditerückgänge an den US-Märkten.

Die Wirksamkeit der Leitzinssenkungen bezüglich der Forcierung der Investitionstätigkeit, die maßgeblich kapitalmarktabhängig ist, bleibt in Europa unausgeprägt. 

Devisenmärkte: Euro profitiert markant

Der Euro profitierte stark von Sorgen über die öffentlichen US-Haushalte und deren nachhaltige Finanzierung. Die Herabstufung der Bonität der USA um eine Stufe seitens der Ratingagentur Moody’s lieferte einen weiteren Katalysator. Auch die geringere

negative Anpassung des BIP der Eurozone (-0,2 % auf +0,8 %) im Vergleich zu den USA (-0,9 % auf +1,8 %) mag hilfreich gewesen sein. Verbalakrobatik, dass der EUR in die Rolle des USD hineinwachsen werde oder könne, wirkten losgelöst von Fakten psychologisch unterstützend.

Die den Euro belastenden Faktoren, 

  • der zunehmenden Zinsdifferenz zu Gunsten des USD am Geldmarkt,
  • des hohen positiven Realzinses in den USA gegenüber der Eurozone, 
  • der leistungsertüchtigenden Reformpolitik der USA (Steuern, Subventionen, weniger Bürokratie, billige Energie, Versorgungssicherheit) bei unzureichender Reformpolitik in Europa, 
  • der Wachstumsdifferenz zu Gunsten der USA, 
  • der US-Wirtschafts- und Technologiefreundlichkeit,
  • und der hohen Investitionszusagen (reale Kapitalzuflüsse) der Unternehmen (KI, Pharma etc.) für den US-Standort

spielen derzeit keine tragende Rolle.  

31.03.202530.06.2025Veränderung
EUR-USD1,08171,1786+8,96 %
EUR-JPY162,20169,65+4,59 %
EUR-CHF0,95660,9343-2,33 %
EUR-GBP0,83700,8578+2,49 %
Bitcoin/USD82.369,46107.171,00+30,11 %
Gold/USD3.124,133.302,29+5,70 %
Tabelle 5: Devisenkursentwicklungen; © Netfonds AG

Fazit: Die derzeit stattfindende Anpassung der internationalen Portfolien zu Gunsten Europas hält an und unterstützt den Euro, allen voran den Schweizer Franken. Die Fokussierung auf die US-Haushaltsproblematik unter Ausblendung der zunehmenden Probleme in den Haushalten der Länder der Eurozone ist ein zweiter Katalysator. Die Vorteile der USA als Wirtschaftsstandort, die Ansätze der Haushaltskonsolidierung, die dortigen Verbesserungen der Rahmendaten und der Zinsvorteil werden derzeit nicht diskontiert.

Gold konnte im 2. Quartal 2025 weiter glänzen und legte wegen der globalen Unsicherheiten und Umbrüche um 5,70 % zu. Hintergründig unterstützen ausgeprägte Notenbankkäufe. Gold hat im Jahr 2024 den Euro als zweitgrößte Devisenreserve hinter dem USD abgelöst. Bitcoin als nicht korreliertes Anlagegut profitierte stark und legte um 30,11 % zu. 

Folker Hellmeyer

Chefvolkswirt der Netfonds AG

Das erste Quartal 2024 war fortgesetzt gekennzeichnet von maßvoller Konjunkturdynamik in der Weltwirtschaft. Der Internationale Währungsfonds erhöhte im Januar 2024 die Wachstumsprognose gegenüber der Oktober-Prognose für das Wirtschaftswachstum der Weltwirtschaft im laufenden Jahr von 2,9% auf 3,1% (2023 3,1%).

Massvolle globale Konjunkturdynamik – Schwellenländer bleiben StabilisatorenGastbeitrag der Netfonds AG

Das vierte Quartal 2023 war fortgesetzt gekennzeichnet von maßvoller Konjunkturdynamik in der Weltwirtschaft. Das von dem IWF im Oktober 2023 ausgerufene Ziel von 3 % realem Wachstum sollte erreicht werden.

Das Wachstum bleibt global ungleich verteilt. Industrieländer werden 2023 um circa 1,5 % zulegen, während die aufstrebenden Länder die Wirtschaftsleistung um rund 4 % ausweiten werden. Unterstrichen wurde diese Tendenz zu Gunsten der aufstrebenden Länder durch die außer der Reihe vorgenommene Anpassung der BIP-Prognose für China im Oktober von 5,0 % auf 5,4 % Wachstum der Wirtschaftsleistung für das Jahr 2023 und von 4,2 % auf 4,6 % für das Jahr 2024. Die aufstrebenden Länder Asiens sind und bleiben gemäß IWF World Economic Outlook (WEO) mit einer BIP-Expansion in Höhe von 5,2 % per 2023 der globale Wachstumstreiber, allen voran Indien (6,3 %) und China (5,4 %).  

Innerhalb der großen Industrienationen kam es im vierten Quartal 2023 konjunkturell zu Verschiebungen. Unter Zugrundelegung der Einkaufsmanagerindices als Bewertungsmaßstab verlor Japan seine konjunkturelle Führungsrolle. Demnach führt Großbritannien im gesamtwirtschaftlichen Zuschnitt (Composite Index) mit 51,7 Punkte vor den USA mit 51,0 Zählern, Japan mit 50,4 Punkten, der Eurozone mit 47,0 Zählern und Deutschland mit 46,7 Punkten (Scheidewert zwischen Wachstum und Kontraktion 50 Punkte).

Maßgebliche Hintergründe des maßvollen Konjunkturszenarios waren fortgesetzt belastende Auswirkungen der geopolitischen Lage. Während sich im Ukraine-Konflikt Erschöpfungszustände abzeichnen, die perspektivisch verstärkte Wahrscheinlichkeiten in Richtung einer diplomatischen Lösung eröffnen, kam es im Nahen Osten zu einem neuen Konfliktherd, der Unsicherheit in der globalen Ökonomie schürte. Geopolitik ist und bleibt der entscheidende Grund für Zurückhaltung der Wirtschaftssubjekte weltweit.

Entspannung für die Weltwirtschaft ergab sich im vierten Quartal 2023 an der Inflationsfront. Grundlage waren unter anderem sinkende Ölpreise. Im Verlauf kam es zu Preisrückgängen von mehr als 90 USD auf zwischenzeitlich unter 75 USD (Nordseesorte Brent) pro Fass. In der Folge stellte sich seit September 2023 in der Eurozone ein Rückgang der Verbraucherpreise von 4,30 % auf 2,40 %, in den USA von 3,70 % auf 3,10 % und in China von 0,00 % auf -0,50 % ein. Als Konsequenz setzten die großen westlichen Zentralbanken (Federal Reserve, EZB, Bank of England) ihren Zinserhöhungszyklus aus. Während des Quartals bauten sich Zinssenkungserwartungen für das kommende Jahr auf. Losgelöst davon wirken Zinserhöhungen sich erst voll mit einem Zeitversatz von 12 und mehr Monaten aus. Entsprechend ist und bleibt zunächst das erhöhte Zinsniveau ein derzeit die Konjunktur bremsender Einfluss.

Die Vereinigten Staaten lieferten ein durchwachsenes Datenbild. Der Dienstleistungssektor ist Anker des Wachstums. Der private Konsum generierte moderate Wachstumsimpulse. Der industrielle Sektor verlor in den ersten beiden Monaten leicht an Boden. Die durch Zinserhöhungen belasteten Immobilienmärkte befinden sich in einer Bodenbildung, gleiches gilt für den Bausektor. Arbeitsmärkte zeigten sich fortgesetzt in positiver Verfassung.  

In der westlichen Hemisphäre fiel Kontinentaleuropa bezüglich der Wirtschaftslage im relativen Vergleich trotz einer Stabilisierung weiter zurück. Per 3. Quartal 2023 kam es zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,1 % im Quartalsvergleich. Im vierten Quartal 2023 setzten sich im industriellen Sektor und im Einzelhandel rezessive Tendenzen fort. Die Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe (44,2), den Dienstleistungssektor (48,1) und die Gesamtwirtschaft (47,0) signalisieren mit Indexständen deutlich unter 50 fortgesetzte Kontraktion. Positiv stach die Anomalie starker oder zumindest widerstandsfähiger Arbeitsmärkte (nachlaufende Wirtschaftsindikatoren) ins Auge.

Innerhalb der Eurozone verlor Deutschland trotz zarter Stabilisierung der Einkaufsmanagerindices auf ermäßigten Niveaus weiter an Boden. Die im 4. Quartal 2023 für das 3. Quartal 2023 veröffentlichten Daten des Bruttoinlandsprodukts lieferten mit einer Veränderung um -0,4 % im Jahresvergleich die schwächsten Werte der G-7 Länder. Die Wachstumsprognose des IWF wurde im Oktober im WEO des IWF für das Gesamtjahr 2023 von -0,3 % auf -0,5 % revidiert. Prekär fielen die Frühindikatoren (Einkaufsmanagerindices, Konsumklima) im Vergleich zu den großen Wirtschaftsnationen aus. Die Bundesbank erwartet für das 4. Quartal 2023 eine leichte Kontraktion der Wirtschaftsleistung (Quartalsvergleich). Die verfügbaren Daten des Konsums, der Industrie, der Baubranche und des Immobilienmarktes weisen rezessive Werte aus. Investitionen lassen sich zu großen Teilen nur durch massive Subventionen (Halbleitersektor, Batterien) realisieren, da die Konkurrenzfähigkeit des Standorts schwach ist. Das Risiko der mittel- und langfristigen Energieversorgungssicherheit und das akute Thema der nicht vorhandenen Konkurrenzfähigkeit bei Energiepreisen als energieintensivster Industriestandort des Westens wirkten belastend. Zusätzlich belastete der Akt um einen verfassungskonformen Haushalt. Die von der Regierung getroffenen Maßnahmen stellen für Teile der Wirtschaft (Automobile, Agrarsektor) einen Vertrauensbruch dar. Planungssicherheit als unverzichtbare Grundlage einer auskömmlichen Investitionstätigkeit ist nicht gewährleistet.

Die Entspannung bei der Preisinflation nahm im vierten Quartal 2023 weit überwiegend wieder Fahrt auf. Sinkende Ölpreise waren unter anderem verantwortlich. So sank der Preis der Ölsorte Brent seit dem Ultimo September 2023 von 92,15 USD auf 77,19 USD pro Fass um circa 16 % (Stand 18.12.2023). Im Jahresvergleich kam es im Vergleich zum Ultimo Dezember 2022 zu einem Rückgang um rund 7 %. Die Erdgaspreise waren in Europa im 4. Quartal unter Schwankungen wenig verändert. An den Metallmärkten ergaben sich mit Ausnahme Kupfers (+3,5 %) tendenziell eher entlastende Entwicklungen. So sank der Nickelpreis seit Ende des 3. Quartals 2023 um rund 13 % und der Aluminiumpreis um circa 2 %. Bei den Lebensmitteln war das Bild im 4. Quartal 2023 zumeist entspannt. Während die Preise gegenüber dem Ultimo des 3. Quartals bei Weizen (-4,0 %), bei Schweinefleisch (-8,0 %), bei Mastrind (-15 %) und bei Zucker (-20 %) sanken, kam es bei Kaffee (+30 %) und bei Kakao (+18 %) beispielsweise zu Preiserhöhungen.

Die Inflationsentwicklungen auf globaler Ebene bezüglich der letzten drei Monate liefern ein Bild der Entspannung mit der Ausnahme Russlands.

Die Zentralbanken der westlichen Hemisphäre entschieden sich für eine abwartende Haltung. Japan hielt unverändert an der Negativzinspolitik fest (Leitzins -0,10 %). Die EZB hat im vierten Quartal auf den beiden Sitzungen den Leitzins bei 4,50 % belassen, ebenso die Federal Reserve bei 5,375 %, die Bank of England bei 5,25 % und die Schweizer Nationalbank bei 1,75 %.  

Trotz des deflationären Umfelds in China verzichtete die Zentralbank Chinas im vierten Quartal 2023 auf Zinssenkungen.

Fazit: Die Weltwirtschaft stabilisierte sich auf dem ermäßigten Wachstumsniveau, konnte im vierten Quartal 2023 jedoch keine nennenswerte erhöhte Dynamik entwickeln. Die Homogenität zwischen den Wirtschaftsräumen der Weltwirtschaft nimmt im Konjunkturverlauf weiter ab. Während sich der „Globale Süden“ enger aneinanderbindet, sich untereinander weiter globalisiert und organisiert, Effizienzen erhöht und Wachstumspotentiale generiert, fällt der „Westen“ durch eine Abgrenzungspolitik perspektivisch zurück.

Die Perspektive – Stabilität

Eine kurzfristige Trendwende zu erhöhter globaler Wirtschaftsdynamik ist am Ende des vierten Quartals 2023 für das erste Quartal 2024 nicht erkennbar. Eine Fortsetzung des ermäßigten Wachstums ist zu erwarten.                                                                                       

Die unausgeprägte Konjunkturdynamik in den Industrieländern bedingt durch Geopolitik und deren ökonomischen Folgen als auch die andauernden Wirkungen des aggressivsten Zinserhöhungszyklus in der westlichen Welt ex Japan, der im vierten Quartal zwar beendet wurde, der jedoch nachwirkt, zeitigen weiter bremsende Konjunktureinflüsse. Das beeinträchtigt auch die Schwellenländer, ohne jedoch deren positive Grundtendenz zu gefährden. In den letzten zehn Jahren wuchsen die Binnenverkehre des „Globalen Südens“ überproportional und forcierten damit eine zunehmende Abkoppelung von dem westlichen Konjunkturzyklus.

Die Emanzipation des Globalen Südens von westlicher Dominanz erfuhr im vierten Quartal 2023 einen Dämpfer. Nach den Wahlen verkündete der neue Präsident Argentiniens, dass man den BRICS-Ländern nicht beitreten wolle und sich stärker Richtung USA ausrichten werde. Damit wird BRICS+ ab Januar zehn und nicht elf Mitgliedsländer ausweisen. Weitere circa 20 Länder sind Aspiranten, die den BRICS-Ländern beitreten wollen. Italiens Regierung verabschiedete sich offiziell von der „Belt and Road Initiative“ unter Führung Chinas. Losgelöst von diesen Dämpfern bietet sich als Fazit an, dass diese neue Struktur das Potenzialwachstum dieser Gruppe positiv beeinflussen wird. Es werden sich auch positive Wechselwirkungen mit den Industrienationen ergeben, die der Weltwirtschaft perspektivisch mehr Widerstandskraft und Wachstumspotenzial verleihen werden. Der Globale Süden, allen voran Asien, bleiben die Wachstumstreiber im kommenden ersten Quartal 2024.

Die in die Zukunft gerichteten Wirtschaftsdaten deuten in Richtung unausgeprägter Konjunkturdynamik in einer globalen Betrachtung. Der von JP Morgan für die Weltwirtschaft ermittelte Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft (Global Composite PMI) markierte per Oktober im Quartal mit 50,0 Punkten einen Tiefpunkt, um sich dann per November auf 50,4 Zähler zu erhöhen. Der Durchschnitt dieses Index liegt in den letzten 10 Jahren bei 52,29 Zählern. Die Werte des Einkaufsmanagerindex stehen im Einklang mit einer globalen BIP-Prognose per 2024 um die Marke von 3 %. 

Die Einkaufsmanagerindices (Frühindikatoren) signalisieren in dem Sektor des Verarbeitenden Gewerbes für die Länder des Westens nach vorne schauend fortgesetzte Kontraktion. Stabilisierungstendenzen sind erkennbar. Die Erstschätzungen der Einkaufsmanagerindices für diesen Sektor liegen per Dezember 2023 jedoch weiter unter 50 Punkten, der Marke die zwischen Wachstum und Kontraktion unterscheidet (USA 48,3, Japan 47,7, UK 46,4, Eurozone 44,2, Deutschland 43,1).

Besser sehen die aktuell verfügbaren Werte der Länder des Globalen Südens für diesen Sektor aus (Indien 56,0, Russland 53,8, Brasilien 49,4, China 49,0). Anzumerken ist, dass der Sektor des Verarbeitenden Gewerbes bezüglich des Themas Energiepreise sensibel ist. Europa ist und bleibt durch die eigene Politik im Vergleich zu den USA und Japan in einer kritischeren Situation. Der globale Süden ist nach vorne schauend deutlich besser aufgestellt.   Der Dienstleistungssektor bewegte sich im vierten Quartal 2023 laut Einkaufsmanagerindices in einer Gesamtbetrachtung im Quartalsvergleich global in einer Seitwärtsbewegung auf positivem Terrain, fortgesetztes Wachstum implizierend. Die Heterogenität zwischen den Ländern ist erheblich. Großbritannien und die USA stachen im vierten Quartal positiv hervor, anders die Eurozone und Deutschland (Indien 56,9, UK 52,7, Japan 52,0, USA 51,3, China 50,4, Deutschland 48,4, Eurozone 48,1). Global betrachtet steuert dieser Sektor fortgesetzt zum Wachstum bei.

Innerhalb der Weltwirtschaft ergeben sich heterogene Dynamiken, die mit den Themen der Energieversorgungssicherheit als auch der Energiepreise (Konkurrenzfähigkeit), aber auch der westlichen Politik der Ab- und Ausgrenzung (Sanktionspolitiken) korreliert sind. Je länger ein global unausgewogenes Szenario diesbezüglich dominiert, desto größer wird die Divergenz der strukturellen und konjunkturellen Entwicklungen gegenüber den diesbezüglich benachteiligten westlichen Regionen werden, allen voran gegenüber Westeuropa und maßgeblich gegenüber Deutschland.

Das Thema Zinserhöhungen hat in der westlichen Welt hinsichtlich des deutlichen Rückgangs der Inflation im vierten Quartal zunächst sein Ende gefunden. Das vierte Quartal lieferte den Bruch mit diesem Politikansatz. Die Vorreiterrolle nahmen die USA ein. Dort wird frühestens ab März 2024 mit Zinssenkungen gerechnet. Sowohl die EZB als auch die Bank of England zeigen sich weniger bereit, das Thema Zinssenkungszyklus zu forcieren. Hier sind früheste Schritte ab Mitte des Jahres möglich, sofern es nicht zu Verwerfungen bei der Inflation kommt.

Zunächst setzen sich damit realwirtschaftlich grundsätzlich die Belastungen der Zinserhöhungspolitik in großen, aber nicht in allen Teilen fort. Die westliche Wirtschaft profitierte im vierten Quartal von den markant rückläufigen Kapitalmarktzinsen. Das sollte sich im ersten Quartal 2024 fortsetzen. Der Druck durch hohe Kapitalmarktzinsen auf die Bau- und Immobilienbranche nahm ab. Das eröffnet nach vorne schauend Stabilisierungs- oder sogar Belebungstendenzen für diese Branchen im kommenden Quartal und potentiell im Jahresverlauf 2024.  

Der Rohstoffsektor belastete die Weltwirtschaft und die Weltfinanzmärkte kaum. Der Ölpreis sank gegenüber den Jahreshöchstständen bei 93 USD pro Fass per September 2023 auf bis unter 75 USD, um sich dann um die Marke von 80 USD zu stabilisieren. Auch bei den Erdgaspreisen kam es zu keinen nennenswerten Belastungen. Die Lager im Westen waren zur Herbstsaison gut gefüllt. Bei Industriemetallen gab es bei den einzelnen Metallen Volatilitäten, ohne jedoch markanten Einfluss auf das Inflationsgeschehen zu nehmen. Bei Agrarrohstoffen kam es zu markanten Preissteigerungen bei Reis, Kaffee und Kakao. Dagegen nahmen der Weizenpreis, der Zuckerpreis, Mastrindpreise und Preise für mageres Schweinefleisch ab. Nach vorne schauend sind zunächst keine Verwerfungen an den Rohstoffmärkten auszumachen. Bezüglich der Risiken für die Energiemärkte muss der Fokus auf der Entwicklung im Gaza-Konflikt liegen. Die Situation ist und bleibt prekär.  

Die Perspektiven für den Technologiesektor oder zumindest für Teile dieses Sektors bleiben positiv ausgerichtet. Die erwartete Zinsentspannung unterstützt hintergründig die kapitalintensive Branche. Das Thema Künstliche Intelligenz ist bezüglich des Potentials weiter im Fokus. Perspektivisch wirkt Künstliche Intelligenz durch massive Erhöhung der Effizienz mittel- und langfristig reduzierend auf Inflation.

Die verfügbaren Fakten liefern keine Grundlagen für einen Trendwechsel in Richtung einer belebteren Gangart der Weltkonjunktur in zeitlicher Nähe. Die Spreizung bezüglich der Konjunkturentwicklungen zwischen den Industrienationen wird sich zu Gunsten der Schwellenländer tendenziell ausweiten. Die Spreizung der Konjunkturentwicklungen innerhalb der Eurozone zu Lasten Deutschlands wird ohne Umsteuerung in Berlin nicht abnehmen.

Der Finanzmarkt

An den Finanzmärkten ergab sich im Herbstquartal erhöhte Risikobereitschaft getragen von stabilisierten Einkaufsmanagerindices in der westlichen Hemisphäre und von rückläufiger Preisinflation und dadurch induzierten Zinssenkungserwartungen. Hoffnungswerte auf die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung des Ukraine-Konflikts unterstützten gleichfalls. Der Gaza-Konflikt wurde und wird aktuell als regionaler Konflikt bewertet.  

Die Divergenz zwischen der Konjunkturentwicklung in den Industrienationen im Vergleich zu den Schwellenländern wird an diversen Märkten kaum oder weiter nicht diskontiert.

Aktienmärkte: Ein Blick auf den Quartalsverlauf

Innerhalb dieses Korrekturmodus liefen US-Märkte weiterhin besser als die europäischen Märkte. Die Vorteile des US-Wirtschaftsraums gegenüber Europa bezüglich der Themen Innovationspolitik, Regulatorik, Energiepolitik, Steuerpolitik und Subventionspolitik wirkten und wirken zu Lasten der Finanzmärkte Europas und zu Gunsten der Märkte USA.

Die Schwäche an Chinas Aktienmärkten (CSI, Hangseng) war im Quartalsvergleich im internationalen Vergleich ausgeprägt. Weiter verfingen Themen wie Chinas Wachstumsvorteile, Zinssenkungspotentiale, hoher Realzins oder konservative Bewertungskriterien nicht. Erkennbar spielten und spielen geopolitische Erwägungen in der Kapitalallokation westlicher Teilnehmer eine belastende Rolle für Chinas Märkte.

Indien, das eine geopolitische Ambivalenz zwischen dem Westen und Osten lebt, ist nicht vom Bannstrahl durch westliche Kapitalsammelstellen betroffen. Der Aktienmarkt lief besser als in Europa, aber weniger stark im Vergleich zu den US-Märkten. Japans Aktienmärkte gewannen im vierten Quartal 2023 leicht an Boden. Die im Vergleich zu den USA und Europa schwächere Performance war und ist korreliert mit schwächeren ökonomischen Fundamentaldaten.

Fazit: Der Aufwärtsmodus an den Aktienmärkten war mit Ausnahme Chinas und Honkongs und mit Abstrichen in Japan ausgeprägt. Die Bewertungsniveaus an den Märkten mit Ausnahme der Märkte in China und Hongkong implizieren für das erste Quartal 2024 im Verlauf moderate Korrekturrisiken.

Rentenmärkte: Ein Blick auf den Quartalsverlauf

Die Rentenmärkte setzten ihren positiven Verlauf im vierten Quartal fort. Unter Schwankungen kam es zu deutlich sinkenden Kaitalmarktzinsen.

Getragen war die Entwicklung von zum Teil unerwartet starken Rückgängen bei den Inflationsraten in der westlichen Hemisphäre, die zu Zinssenkungserwartungen in den USA per 2. Quartal führten. Für die Eurozone und Großbritannien sind die Erwartungen moderater und zielen in Richtung des dritten Quartals 2024. Anders als in den USA und Großbritannien ergibt sich für die Eurozone ein besonderes Problem. Die Spreizung des Verbraucheranstiegs ist innerhalb der Länder der Eurozone ausgeprägt. So liegt der Anstieg in Portugal bei 1,40 % und in Österreich bei 5,35 %. Auch dieser Umstand wird zu einer zögerlichen Vorgehensweise der EZB beitragen.   

Rückläufiger Inflationsdrucks hat sich im vierten Quartal 2023 auch dank starker Basiseffekte eingestellt. 

Fazit: In den letzten beiden Quartalen kam es zu einem merklichen Rückgang der Kapitalmarktzinsen, getragen von einem markanten Rückgang der Preisinflation. Die auslaufenden Basiseffekte implizieren, dass diese Entwicklung nicht fortgeschrieben wird. Es zeichnet sich eine Bodenbildung bei den Kapitalmarktzinsen ab.

Devisenmärkte: Ein Blick auf den Quartalsverlauf

An den Devisenmärkten bestimmten Zinserwartungen und weniger Konjunkturthemen die Märkte. Darunter litt der USD im Quartalsverlauf gegenüber allen anderen Hauptwährungen. Die fiskalische Schwäche der USA (hohe Haushaltsdefizite) und die negativen Wendungen in der Geopolitik, die den Westen isolierter dastehen lassen, als auch die Emanzipation des Globalen Südens wirkten sich weniger gegenüber den anderen westlichen Hauptwährungen, aber sehr wohl gegenüber nicht korrelierten Alternativen, hier Gold und Bitcoin aus.  

Fazit: Die Dynamik der Veränderungen in der Weltwirtschaft (Glaubwürdigkeit, Anteile, Momentum) flankiert von den Veränderungen der globalen politischen Struktur (u.a. BRICS+) führen zu Neubewertungen, die nicht korrelierte Alternativen (Gold, Krypto-Anlagen) zu westlichen Währungen stärken. Zwischen den westlichen Währungen spielen zunächst primär Zinserwartungen und sekundär Konjunkturerwartungen für die Bewertungen der einzelnen Währungen eine hervorgehobene Rolle. Damit sollte sich der Druck auf den USD gegenüber den anderen Hauptwährungen im ersten Quartal 2024 fortsetzen.

Gastbeitrag von Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Netfonds AG

Unausgeprägte globale Konjunkturdynamik – Schwellenländer bleiben Stabilisatoren

Das dritte Quartal 2023 war geprägt von heterogener Konjunkturdynamik. Anfang des Quartals lieferte der IWF im Juli eine Aktualisierung der Wachstumsprognosen. Das globale Wirtschaftswachstum wurde per 2023 von zuvor 2,8 % auf 3,0 % hochgesetzt. Der Wachstumsclip der Industrienationen wurde von 1,3 % auf 1,5 % revidiert. Japan setzte mit seinen Wirtschaftsdaten überwiegend positive Akzente. Japan reüssiert derzeit in der G-7 Runde mit den stärksten Einkaufsmanagerindices vor den USA, aber auch dem höchsten BIP-Wachstumsclip im 2. Quartal 2023 (1,2 % im Quartalsvergleich). Die Wachstumsprognose der aufstrebenden Länder wurde von 3,9 % auf 4,0 % seitens des IWF angepasst. Die aufstrebenden Länder bleiben damit die globalen Wachstumstreiber, allen voran die Länder aus der Region Asien mit einem Wachstumsclip per 2023 von 4,5 % unverändert zur Aprilprognose des IWF.

Maßgebliche Hintergründe des unausgeprägten Konjunkturszenarios waren weiterhin Auswirkungen der geopolitischen Lage und deutlich anziehende Ölpreise dank verstärkter Kooperation Russlands und Saudi-Arabiens als so genannte „Swing Producer“. Auch die in westlichen Ländern fortgesetzte Zinserhöhungspolitik mit ihren zeitversetzten Wirkungen hatte einen moderierenden Einfluss. China, das Land mit dem größten BIP auf Basis der Kaufkraftparität, verlor zunächst an Wirtschaftsdynamik (Juli-Daten), um dann jedoch wieder unerwartet an Boden zu gewinnen (August-Daten). 

Die Vereinigten Staaten lieferten ein durchwachsenes Datenbild, das Ausdruck unterproportionalen Wachstums ist. Der private Konsum und der industrielle Sektor generierten moderate Wachstumsimpulse. Sowohl die durch Zinserhöhungen belasteten Immobilienmärkte als auch der Bausektor belasteten das Wachstum. Der Arbeitsmarkt zeigte sich fortgesetzt in positiver Verfassung.  

In der westlichen Hemisphäre fiel Europa bezüglich der Wirtschaftslage weiter zurück, das gilt sowohl für die EU als auch für Großbritannien. So wurde auch das BIP der Eurozone per 2. Quartal 2023 von 0,3 % im Quartalsvergleich auf 0,1 % revidiert. Rückläufige Tendenzen bei den Frühindikatoren weisen in Richtung Rezessionsrisiken. Positiv stach „noch“ die Anomalie starker oder zumindest widerstandsfähiger Arbeitsmärkte (nachlaufende Wirtschaftsindikatoren) ins Auge.

Innerhalb der Eurozone verlor Deutschland fortgesetzt an Boden. Die im 3. Quartal veröffentlichten Daten des Bruttoinlandsprodukts lieferten mit einer Veränderung um 0,0 % zum Vorquartal die schwächsten Werte der G-7 Länder. Die Wachstumsprognose des IWF wurde im Juli für das Gesamtjahr 2023 von -0,1 % auf -0,3 % revidiert. Prekär fielen die Frühindikatoren (Einkaufsmanagerindices, Konsumklima) im Vergleich zu den großen Wirtschaftsnationen aus. Die Bundesbank erwartet für das dritte Quartal laut aktuellem Monatsbericht eine leichte Kontraktion der Wirtschaftsleistung. Die verfügbaren Daten des Konsums, der Industrie, der Baubranche und des Immobilienmarktes weisen rezessive Werte aus. Investitionen lassen sich nur durch massive Subventionen (Halbleitersektor, Batterien) realisieren, da die Konkurrenzfähigkeit des Standorts schwach ist. Das Risiko der mittel- und langfristigen Energieversorgungssicherheit und das akute Thema der nicht vorhandenen Konkurrenzfähigkeit bei Energiepreisen als energieintensivster Industriestandort des Westens wirkten belastend. Im 3. Quartal 2023 wurde dieses Manko sowohl von dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag als auch dem Bundesverband der deutschen Industrie fortgesetzt thematisiert. Das von der Regierung initiierte Wachstumschancengesetz adressiert viele kritische Baustellen, unter anderem die Belastung durch überbordende Bürokratie, es forciert auch Steuervereinfachungen und Anreize. Das akute Primärrisiko für den Standort, das Energieproblem, wurde in dem Gesetz nicht berücksichtigt.

Die Entspannung des Inflationsdrucks im ersten Halbjahr setzte sich in der westlichen Welt im dritten Quartal 2023 nicht erwartungsgemäß fort. Dafür waren unter anderem Energiepreise verantwortlich. So legte der Preis der Ölsorte Brent seit dem 30. Juni 2023 von 74,81 USD auf 93,27 USD pro Fass um circa 25 % zu. Im Jahresvergleich kam es im Vergleich zum Ultimo September 2022 zu einem Anstieg um gut 5 %. Die Erdgaspreise nahmen im 3. Quartal im Quartalsvergleich in Europa um 15,5 % zu. Dagegen kam es in den USA bei Erdgaspreisen zu einem Rückgang im 3. Quartal 2023 um 5,4 %. An den Metallmärkten ergaben sich tendenziell eher entlastende Entwicklungen. So sank der Nickelpreis seit Ende des 2. Quartals 2023 um 5,7 %, der Kupferpreis fiel um 1,4 %. Der Aluminiumpreis stieg dagegen um 5,8 % (energieintensive Produktion, Korrelation zu Energiepreisen). Bei den Lebensmitteln war das Bild im 3. Quartal durchwachsen. Während die Preise gegenüber dem Ultimo des 2. Quartals bei Weizen (-4,3 %) und bei Schweinefleisch (-13,9 %) sanken, kam es bei Mastrind (+10,7 %), bei Zucker (+13,1 %) und bei Orangensaft (+32,1 %) beispielsweise zu Preiserhöhungen.

Die Inflationsentwicklungen auf globaler Ebene bezüglich der letzten drei Monate liefern ein heterogenes Bild.

Die Zinspolitik der Zentralbanken wurde im dritten Quartal heterogener. Japan hielt unverändert an der Negativzinspolitik fest (Leitzins -0,10 %). Die EZB hat im dritten Quartal auf den beiden Sitzungen den Leitzins jeweils um 0,25 % auf jetzt 4,50 % erhöht. Die Federal Reserve (5,375 %) als auch die Bank of England (5,25 %) und die Schweizer Nationalbank (1,75 %) verzichteten im September auf Zinserhöhungen, auch hinsichtlich des Verweises darauf, dass Zinsmaßnahmen erst mit mehr als 12 Monaten ihre volle Wirkung entfalten. 

Anders als in der westlichen Hemisphäre setzte China mit einer Zinssenkung im August um weitere 0,10 % einen Kontrapunkt. Anders als im Westen steht China vor Deflationsrisiken mit Verbraucherpreisen bei 0,1 % und Erzeugerpreisen bei -3,0 %.

Fazit: Die Weltwirtschaft konnte im dritten Quartal 2023 keine nennenswerte Dynamik entwickeln. Die Homogenität im Konjunkturverlauf der Weltwirtschaft nimmt zunehmend ab.

Die Perspektive

Eine kurzfristige Trendwende zu erhöhter globaler Wirtschaftsdynamik ist am Ende des dritten Quartals 2023 in Richtung des vierten Quartals und darüber hinaus nicht erkennbar. Sowohl die unausgeprägte Konjunkturdynamik in den Industrieländern bedingt durch Geopolitik und deren ökonomischen Folgen als auch die einsetzenden Wirkungen des aggressivsten Zinserhöhungszyklus in der westlichen Welt ex Japan zeitigt einen bremsenden Konjunktureinfluss durch Nachfrageausfälle für die Schwellenländer, ohne deren positive Grundtendenz zu gefährden. In den letzten zehn Jahren wuchsen die Binnenverkehre des „Globalen Südens“ überproportional und forcierten damit eine zunehmende Abkoppelung von dem westlichen Konjunkturzyklus.

Diese wirtschaftliche Abkoppelung erfuhr eine politische Formierung. Im dritten Quartal ergab sich bezüglich der Geopolitik eine wesentliche Veränderung. Die Ländergruppe BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) erweitert sich per Anfang 2024 um sechs weitere Mitglieder. Hinzukommen werden Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Iran, Ägypten, Argentinien und Äthiopien. Damit vereinigt BRICS+ ab Anfang 2024 circa 37 % der Weltwirtschaftsleistung (Basis Kaufkraftparität) auf sich. BRICS+ vertritt dann 46 % der Weltbevölkerung und kontrolliert 80 % der weltweiten Ölproduktion. Weitere 20 Länder des Globalen Südens wollen dem BRICS-Verbund beitreten. Der bisher lose Bund der BRICS-Länder intensiviert zudem den Aufbau eines eigenen Organigramms (Institutionalisierung), um eigenen Interessen mehr politisches Gewicht und wirtschaftliche Potenz zu verleihen. Als Fazit bietet sich an, dass diese neue Struktur das Potenzialwachstum dieser Gruppe positiv beeinflussen wird. Es werden sich auch positive Wechselwirkungen mit den Industrienationen ergeben, die der Weltwirtschaft perspektivisch mehr Widerstandskraft und Wachstumspotenzial verleihen werden.

Die in die Zukunft gerichteten Wirtschaftsdaten deuten in Richtung unausgeprägter Konjunkturdynamik in einer globalen Betrachtung. Der von JP Morgan ermittelte Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft (Global Composite PMI) sank von Mai bis August von gut 54 auf 50,6 Punkte (50 Punkte markiert die Grenze zwischen Wachstum und Kontraktion).

Die Einkaufsmanagerindices signalisierten insbesondere in dem Sektor des Verarbeitenden Gewerbes fortgesetzte Kontraktion und Dynamikverluste. So liegen die Einkaufsmanagerindices des Westens für diesen Sektor per September 2023 allesamt unter 50 Punkten, der Marke, die zwischen Wachstum und Kontraktion unterscheidet (Indien 58,6, China 51,0, USA 48,9, Japan 48,6, UK 44,2, Eurozone 43,4 und Deutschland 39,8). Anzumerken ist, dass der Sektor des Verarbeitenden Gewerbes bezüglich des Themas Energiepreise sensibel ist. Europa ist und bleibt durch die eigene Politik im Vergleich zu den USA und Japan in einer kritischen Situation. 

Der Dienstleistungssektor verlor im dritten Quartal laut Einkaufsmanagerindices global an Wachstumsdynamik. Die Heterogenität zwischen den Ländern, die sich im dritten Quartal ergeben hat, unterstreicht die Tendenz zu Lasten der Länder mit Problemen in der Energiepolitik (Indien 60,1, Japan 53,3, China 51,0, USA 50,2, Deutschland 49,8, Eurozone 48,4, UK 47,2).

Innerhalb der Weltwirtschaft ergeben sich erkennbar uneinheitliche Dynamiken, die sowohl mit den Themen der Energieversorgungssicherheit als auch der Energiepreise (Konkurrenzfähigkeit) korreliert sind. Je länger ein global unausgewogenes Szenario diesbezüglich dominiert, desto größer wird die Divergenz der strukturellen und konjunkturellen Entwicklungen gegenüber den diesbezüglich benachteiligten Regionen werden, allen voran gegenüber Westeuropa und maßgeblich gegenüber Deutschland. 

Hinsichtlich möglicher weiterer Zinserhöhungen in westlichen Ländern und den damit verbundenen Unsicherheiten bleibt der Druck auf die Immobilienmärkte und die Baubranche ausgeprägt. Für den „Globalen Süden“ sind die Aussichten mangels hoher Inflation und Zinserhöhungen überwiegend besser.

Im Rohstoffsektor ist der Ausblick kritischer sowohl für die weitere Entwicklung der Ökonomie als auch des Preisgefüges. Das aktive Preismanagement Russlands und Saudi-Arabiens durch fortgesetzte Produktionskürzungen, das als Resultat einen Anstieg der Ölpreise um 25 % (Brent) trotz unausgeprägter Konjunkturlage zur Folge hatte, ist bedeutend, denn höhere Energiepreise wirken sich auf alle anderen Rohstoffpreise erhöhend aus (Beispiel Lebensmittelpreise wegen Korrelation Dünger/Energie, energieintensive Förderung von Erzen). Das Risiko, dass Rohstoffpreise einen stärkeren bremsenden Konjunktureinfluss ausüben werden, ist gegenüber dem Vorquartal erhöht. 

Die Perspektiven für den Technologiesektor oder zumindest für Teile dieses Sektors heben sich positiv ab. Die Disruption durch Künstliche Intelligenz greift unter Schwankungen Raum. Diese Entwicklung wird sich grundsätzlich fortsetzen. Perspektivisch wirkt Künstliche Intelligenz durch massive Erhöhung der Effizienz reduzierend auf Inflation.

Die verfügbaren Fakten liefern keine Grundlagen für einen Trendwechsel in Richtung einer belebteren Gangart der Weltkonjunktur in zeitlicher Nähe. Die Spreizung bezüglich der Konjunkturentwicklungen zwischen den Industrienationen wird sich zu Gunsten der Schwellenländer tendenziell ausweiten. Die Spreizung der Konjunkturentwicklungen innerhalb der Eurozone zu Lasten Deutschlands wird ohne Umsteuerung in Berlin und Brüssel nicht abnehmen.

Der Finanzmarkt und die Wirtschaft

An den Finanzmärkten ergab sich im Sommerquartal ein Gesamtbild, das von Konsolidierung respektive leichter Korrektur der in Teilen bemerkenswerten positiven und widerstandsfähigen Lage (Aktienmärkte) im ersten Halbjahr 2023 geprägt war.

Die Divergenz zwischen der Konjunkturentwicklung in den Industrienationen im Vergleich zu den Schwellenländern wird an diversen Märkten kaum oder weiter nicht diskontiert. Ebenso wird den Themen der unterschiedlichen Qualität (Realzins, siehe Tabelle 2) an den Rentenmärkten wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Aktienmärkte: Ein Blick auf den Quartalsverlauf

Es kam nach dem zumeist freundlichen Verlauf der Aktienmärkte im ersten Halbjahr 2023 im dritten Quartal 2023 im Zeitverlauf weit überwiegend zu Korrekturen, die in das historische saisonale Muster passen.

Copyright: Netfonds AG Vergleich der Aktienmärkte im Quartalsverlauf

Innerhalb dieses Korrekturmodus liefen US-Märkte besser als die europäischen Märkte. Die Vorteile des US-Wirtschaftsraums gegenüber Europa bezüglich der Themen Innovationspolitik, Regulatorik, Energiepolitik, Steuerpolitik und Subventionspolitik wirkten und wirken zu Lasten der Finanzmärkte Europas und zu Gunsten des  Marktes USA.

Die Schwäche an Chinas Aktienmärkten war im Quartalsvergleich im internationalen Vergleich uneinheitlich. Sie bewegte sich leicht unterhalb des Niveaus des MSCI World Index. Weiter verfingen Themen wie Chinas Wachstumsvorteile, Zinssenkungspotentiale, Realzins oder konservative Bewertungskriterien nicht. Erkennbar spielten und spielen geopolitische Erwägungen in der Kapitalallokation westlicher Teilnehmer außerhalb der westlichen Einflusssphäre eine belastende Rolle für Chinas Märkte.

Indien, das eine politische Ambivalenz zwischen dem Westen und Osten lebt, setzte an den Aktienmärkten mit einem Anstieg des Sensex Index um 2 % die positivsten Akzente an den größeren internationalen Aktienmärkten im dritten Quartal 2023.

Japan konnte die fulminante positive Outperformance des 1. Halbjahres 2023 im Sommerquartal nicht fortsetzen. Die anhaltende Niedrigzinspolitik und überwiegend positive Konjunkturdaten (relativer Vergleich) wurden am Aktienmarkt nicht weiter mit Aufwärtsmomentum diskontiert. 

Fazit:   Die Grundtendenz an den Aktienmärkten entsprach mit Ausnahme Indiens dem saisonalen Muster.  Die Divergenz bei den Korrekturen und Konsolidierungen reflektierten die zunehmend heterogeneren Standortbedingungen auf dieser Welt. Sie waren und sind Folge der geopolitischen Auseinandersetzungen, die die Kapitalallokation durch die dominanten westlichen Kapitalsammelstellen nachweislich fortgesetzt beeinflusst.

Rentenmärkte: Ein Blick auf den Quartalsverlauf

Die westlichen Zentralbanken laufen in ihrer Zinspolitik zum Ende des dritten Quartals nicht mehr im Gleichschritt. Von der US-Notenbank wurde richtigerweise eine Zinspause erwartet, weil längst sowohl am Geld- als auch am Kapitalmarkt positive reale Zinsen etabliert wurden, anders als in der restlichen westlichen Welt. Die EZB lieferte eine weitere Zinserhöhung wider Erwarten der Märkte. Dagegen verweigerten sich unerwarteterweise sowohl die Bank of England als auch die Schweizer Nationalbank einer Leitzinserhöhung per September. Die heterogeneren Handlungsweisen der Notenbanken hatten keinen nennenswerten Einfluss auf die Rentenmärkte. Die Handlungsweisen der Notenbanken lassen aber in der Gesamtheit erkennen, dass der größte Teil der Leitzinsanpassungen hinter uns liegt.  

Copyright: Netfonds AG Vergleich der Renditeentwicklungen an den Rentenmärkten

Die Erwartung rückläufigen Inflationsdrucks hat sich im dritten Quartal 2023 moderiert. Auch wegen der höheren Ölpreise zeigt sich das Inflationsbild derzeit hartnäckiger. Noch implizieren die Vorlaufindikatoren (Erzeuger- und Importpreise) perspektivisch rückläufige Verbraucherpreisdaten. Die Implikation ist hinsichtlich aktueller Energiepreisentwicklungen moderater als im Vorquartal. 

Fazit: Für die Rentenmärkte in Europa bieten sich im Zuge der voraussichtlichen Zinserhöhungen (aktuell maximal 2 Erhöhungen à 0,25 %) moderat höhere Renditen. Die prozentuale Traktion der Rentenmärkte bezüglich der Leitzinserhöhungen sollte in der Eurozone weiter bei circa 50 % – 60 % liegen. Das entspräche den Erfahrungswerten aus den bisher vorgenommenen Zinserhöhungen des aktuellen Zyklus. In den USA hängt die kurzfristige Entwicklung von dem aktuellen US-Haushaltsstreit ab. Mittel- und langfristig betrachtet stehen die USA am Ende des Leitzinserhöhungszyklus. Ergo sollte sich für die US-Rentenmärkte im Bereich 4,50 % – 4,70 % ein Renditetop ausbilden (10-jährige US-Staatsanleihen). 

Devisenmärkte: Ein Blick auf den Quartalsverlauf

An den Devisenmärkten bestimmten bis Ende des zweiten Quartals 2023 Erwartungen über die weitere Zinspolitik der Notenbanken zu großen Teilen das Geschehen. Das hat sich im dritten Quartal trotz unerwarteter Wendungen der Zentralbankpolitiken verändert. Die Volatilität nahm zwischen den westlichen Hauptwährungen deutlich ab.

Im dritten Quartal 2023 konnte der Euro seine vorherige Stärke gegenüber dem US-Dollar nicht halten und hat sukzessive Boden verloren. Im Hinblick auf die Zinsdifferenz, die konjunkturelle Differenz als auch die des Aspektes der Standortqualität und der realen Kapitalströme (Investition in den USA durch Europa auch durch IRA-Programm) ist die Widerstandskraft des Euros bemerkenswert.

Gegenüber dem japanischen Yen gab es für den Euro nur geringfügigen Bodengewinn. Der Euro markiert derzeit die höchsten Bewertungen seit circa 15 Jahren. Gegenüber dem britischen Pfund und dem Schweizer Franken ergaben sich keine signifikanten Veränderungen.

Copyright: Netfonds AG

Fazit: Der Mangel an Volatilität wirft Fragen auf, da sich strukturelle Veränderungen zu Lasten der Eurozone ergeben, die derzeit nicht diskontiert werden. Ebenso ist die Zinssensibilität unausgeprägter als noch im zweiten Quartal 2023. Der aktuelle Status relativer Stabilität unter den westlichen Hauptwährungen erscheint in einem historischen Kontext Qualitäten einer Anomalie aufzuweisen.

Folker Hellmeyer

Chefvolkswirt der Netfonds AG

Das 2. Quartal 2023 war geprägt von rückläufiger Konjunkturdynamik. Die Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft wurden im Verlauf für das Jahr 2023 als auch das kommende Jahr seitens des Internationalen Währungsfonds (IWF) geringfügig um jeweils 0,1% auf 2,8% und 3,0% reduziert. Die Anpassungen fielen in den Wirtschaftsräumen unterschiedlich aus.

Schwellenländer treiben die Wirtschaft – Gastbeitrag der Netfonds AG

Das erste Quartal 2023 war geprägt von grundsätzlich positiven konjunkturellen Entwicklungen in der Weltwirtschaft. So nahmen auf globaler Ebene weitgehend die Sentiment Indikatoren zu, BIP-Prognosen wurden überwiegend positiv angepasst und Inflationsdaten gaben im Verlauf des ersten Quartals nach. Zentralbanken der westlichen Hemisphäre mit Ausnahme Japans setzten ihren Aufholprozess in der Zins- und Geldpolitik fort. Aktienmärkte waren bis Mitte März im Quartalsverlauf stabil oder freundlich. Mit dem Scheitern der Silicon Valley Bank, der Signature Bank, den Problemen der First Republic Bank als auch der Credit Suisse Group reagierten Aktienmärkte ab Mitte März mit Rückgängen, die in Europa ausgeprägter als in den USA waren. Anders als in der Lehman-Krise agierten die Behörden in den USA als auch die Schweizer Nationalbank von Anfang an mit markanten Stabilisierungsmaßnahmen, um Dominoeffekte im Finanzsektor zu unterbinden. Laut EZB und europäischen Aufsichtsbehörden seien in der Eurozone keine Bankenprobleme gegeben.

Die Ausgangslage im Finanzsektor ist qualitativ anders als 2008/2009. Nach der Lehman-Krise wurden sowohl die Eigenkapital- als auch die Liquiditätsanforderungen seitens der Gesetzgeber und Aufsichten deutlich erhöht. Behörden zeigen eine aktuell erhöhte Reagibilität in dem Ansatz der Abschirmung anders als 2008/2009. Inwieweit es weitere Probleme im Finanzsektor geben wird, lässt sich mangels Bilanztransparenz für Marktteilnehmer (anders für Aufsicht und Zentralbanken) nicht voraussagen. Für die westliche Hemisphäre ergeben sich anders als in den aufstrebenden Ländern, die keine vergleichbaren Inflations- und Zinsprobleme haben (China Raum für Zinssenkungen), Verunsicherungen und verschärfte Kreditanforderungen, die sich tendenziell bremsend auf die gesamtwirtschaftliche Lage auswirken können.

Politisch setzte sich im Verlauf des ersten Quartals 2023 die zunehmende Teilung der Welt fort. Westlich orientierte Länder verstärkten das Sanktionsregime gegenüber Russland. In der EU wurde im Februar das zehnte Sanktionspaket gegen Russland verabschiedet. Die G20 Veranstaltung zerfällt zusehends in ein G13 und G7 Format. Die nicht westliche Welt (circa 66 % der Weltwirtschaft, Basis Kaufkraftparität), die bisher nicht an Sanktionen teilnimmt, erfreut sich in der Folge wegen besserer Versorgungssicherheit und geringerer Preise vergleichsweise attraktiver Wirtschafts- und Investitionsbedingungen.

Die Weltwirtschaft war im 1. Quartal 2023 von leicht verstärkter positiver Dynamik geprägt. So erhöhte der Internationale Währungsfonds im Januar 2023 im World Economic Outlook die im Oktober 2022 auf 2,7 % reduzierte BIP-Prognose für die Weltwirtschaft per 2023 auf 2,9 %. Dagegen wurde die BIP Prognose per 2024 geringfügig von 3,2 % auf 3,1 % reduziert. Die Divergenz in der BIP Entwicklung zwischen den etablierten Industrienationen und den aufstrebenden Ländern nimmt zu Lasten der Industrienationen zu. So liegt die BIP-Prognose für die Industrienationen per 2023 bei 1,2 % (USA 1,4 %, Eurozone 0,7 %), während die Prognose für die aufstrebenden Länder bei 4,0 % liegt (China 5,2 %, Indien 6,1 %). Russland wurde vom IWF deutlich heraufgestuft. 2023 wurde die BIP-Prognose von -2,3 % um 2,6 % auf 0,3 % revidiert (Deutschland 0,1 %). Für 2024 liegt die IWF-Prognose für den Westen bei 1,4 %, für die aufstrebenden Länder bei 4,2 %.  An den Daten zeigt sich, dass der Anteil der westlichen Industrienationen an der Weltwirtschaft weiter rückläufig ist und sein wird. Diese Veränderung der wirtschaftlich- und finanziellen Machtachse spiegelt sich in einem stärkeren politischen Selbstbewusstsein des so genannten „Globalen Südens“. 

Die leicht positiv veränderte globale BIP-Prognose war verbunden mit vermindertem Preisdruck. So sank der CRB-Rohstoffpreisindex im ersten Quartal 2023 von 298 auf 279 Punkte und markierte das tiefste Niveau seit Februar 2022. Die Themen Versorgungssicherheit mit Energie und Rohstoffen als auch deren Preise belasteten tendenziell weniger. Das Situationsmanagement insbesondere in Europa war und ist zunächst erfolgreich. Damit sanken die von außen auf die Wirtschaftsräume wirkenden Inflationseinflüsse. Dagegen steigt über die aktuellen Lohnforderungen potentiell der innere Inflationsdruck.  Die Öffnung Chinas mit dem Ausstieg aus der Corona-Politik lieferte einen positiven Impuls für die Wirtschaftsaussichten Chinas und der Weltwirtschaft auch im Hinblick auf potentiell verringerte Lieferkettenprobleme und damit diesbezüglich verringerten Inflationsdrucks. Der IWF setzte die BIP-Prognose Chinas um 0,8 % per 2023 auf 5,2 % in die Höhe. Goldman Sachs erhöhte im März 2023 die BIP-Prognose per 2023 auf 6,0 %.   

Die Finanzmärkte reagierten im 1. Quartal 2023 in einer grundsätzlichen Betrachtung bis Mitte März mit geringerer Risikowahrnehmung. In der Folge legte der deutsche Aktienindex DAX von 14.006 Punkten am 30. Dezember 2022 in der Spitze mehr als 15.638 Punkte (7. März 2023) zu. Als Konsequenz der US-Regionalbankenprobleme und der Entwicklung um Credit Suisse kam es zu einem Abverkauf auf 14.768 Zähler (Stand 17. März 2023). 

Zinserhöhungen setzten sich im 1. Quartal 2023 fort. Die US-Notenbank verringerte die Höhe der Zinsanpassungen auf 0,25 %. Der Leitzins der Federal Reserve liegt aktuell in der Bandbreite bei 4,50 % – 4,75 %. Die EZB hielt dagegen an Zinsschritten um 0,50 % fest. Der Leitzins der EZB steht aktuell bei 3,50 %. Beide Zentralbanken signalisierten eine Fortsetzung der Zinserhöhungspolitik. Im Hinblick auf das US-Regionalbankenproblem ergibt sich bei beiden Zentralbanken eine verstärkte Bereitschaft, datenabhängiger vorzugehen. Das deutet in der Tendenz einen milderen Ansatz in der Zins- und Geldpolitik an, was Folgen für die Kapitalmärkte mit sich brachte.

Am Kapitalmarkt ergeben sich zum Quartalsende bedingt durch die Querelen im US-Regionalbankensektor und bei Credit Suisse Neubewertungen. 10-jährige Bundesanleihen beendeten das vierte Quartal 2022 bei einer Rendite von 2,50 %. In der Spitze wurde ein Renditehoch im 1. Quartal 2023 bei 2,77 % markiert (3. März 2023). Aktuell (Stand 17. März) stellt sich die Rendite auf 2,11 %. 10-jährige US-Staatsanleihen hatten einen ähnlichen Verlauf. Die Rendite lag per Ende des vierten Quartals 2022 bei 3,90 %. Das Renditehoch des 1. Quartals wurde am 2. März bei 4,07 % erreicht. In der Folge ergab sich ein Rückgang auf 3,44 % (Stand 17. März 2023).

Der Euro hat sich gegenüber dem USD im ersten Quartal 2023 in einer Bandbreite zwischen 1,0517 (16. März 2023) und 1,1022 bewegt (Stand 17. März 2023 1,0665) und damit die Erholung/Stabilisierung seit den Tiefstkursen bei 0,95 per September 2022 fortgesetzt.

Westeuropa stabilisiert, aber strukturell im Nachteil

Mangels autarker Rohstoffversorgung, im internationalen Vergleich höherer Energiepreise und den Anfechtungen durch das nicht WTO-konforme US-IRA-Programm, das zum Ziel hat, die USA zu Lasten dritter Länder zu reindustrialisieren, war und ist Europa von der Krise am stärksten betroffen.

Das Thema Versorgungssicherheit konnte für den Winter 2022/2023 erfolgreich, wenn auch teuer beordnet werden. Das 200 Mrd. EUR-Programm der Bundesregierung, das bis Mitte 2024 eine Abschirmung der privaten Haushalte und der Unternehmen von überbordenden Energiepreisen vorsieht, wirkte und wirkt entspannend.

Die Stimmungslage hellte sich in Deutschland und in Europa weiter auf. So stiegen der IFO-Index von 88,6 auf 91,1 Punkte, der ZEW-Index von -23,30 auf +28,10 Punkte in Deutschland als auch der Economic Sentiment Index der Eurozone von 95,8 auf 99,7 Punkte.

Die Verbraucherpreisinflation der Eurozone erklomm in der Eurozone mit 10,6 % per Oktober 2022 das höchste Niveau in der Historie. Im Berichtsmonat Februar kam es zu einem Rückgang auf 8,5 % (USA 6,0 %, China 1,0 %). Die Erzeugerpreise definierten per August 2022 mit 43,3 % einen Rekordwert. Seitdem entspannte sich das Niveau auf 15,0 % (USA 4,6 %, China -1,4 %) per Berichtsmonat Februar. Die Preisdaten belegen trotz der Rückgänge einen komparativen Nachteil des Standorts Europa.

USA: Konjunktur läuft unterproportional 

Anders als in Europa stand und steht die US-Versorgungssicherheit nicht infrage, ebenso ist insbesondere Energie deutlich günstiger als in Europa. So zahlt Europa circa den fünffachen Gaspreis im Vergleich zu den USA. Diese beiden Attribute wirken sich für die US-Wirtschaft stabilisierend und in der Standortdebatte positiv aus. In den letzten Monaten haben sich große europäische Unternehmen entschieden, den Investitionsstandort Europa zu meiden und sich Richtung USA zu orientieren. Dazu gehören zum Beispiel BMW und Bayer. 

Mit massiven Wirtschaftspaketen sind die USA bemüht, einerseits die Klimawende voranzutreiben und andererseits auch mit den Mitteln unzulässiger Subventionen sich zu Lasten Europas und Taiwans zu reindustrialisieren.

Nachdem es in den ersten beiden Quartalen 2022 in Folge zu Rückgängen der Wirtschaftsleistung kam, lieferte das dritte und das vierte Quartal 2022 eine Wende mit einem auf das Jahr hochgerechneten Wachstum in Höhe von 2,7 % für das vierte Quartal 2022. Der US-Arbeitsmarkt ist weiterhin stark.

Der Composite Einkaufsmanagerindex von S&P (Gesamtwirtschaft) erholte sich von 46,4 auf 50,2 Punkte. Der US- Einzelhandel sendet leichte Schwächesignale. In dieser nicht inflationsbereinigten Datenreihe (CPI 6,0 %) kam es zuletzt im Jahresvergleich mit 5,4 % zu dem geringsten Anstieg seit Februar 2021. Der Hypothekenmarktindex von MBA bewegt sich auf den tiefsten Niveaus seit 1997.  In der Industrieproduktion kam es per Februar 2023 im Jahresvergleich mit -0,25 % zu dem schlechtesten Ergebnis seit Februar 2021.

An der Preisfront setzte sich im ersten Quartal 2023 bei Verbraucherpreisen (6,0 %), bei Importpreisen (-1,1 %) und bei Erzeugerpreisen (4,6 %) die Entspannung fort.

Die US-Notenbank blieb ihrem Stabilitätskurs treu. Sie senkte zuletzt aber den Zinsschritt von 0,50 % auf 0,25 % (aktueller Stand 17. März 4,50 % – 4,75 %). Im Offenmarktausschuss der Federal Reserve hatte das Thema Preisstabilität zuletzt Vorrang vor dem Aspekt der Konjunkturstabilität. Hinsichtlich des Ungemachs bezüglich der US-Regionalbankenthematik und auch teilweise stärkerer sektoraler Schwäche (Einzelhandel, Industrie, Immobilien) besteht die Möglichkeit einer Neuausrichtung. 

Schwellenländer: China setzt positive Konjunkturakzente

Die Dynamikgewinne der Weltwirtschaft sind mit China verbunden. Bei einem Anteil von circa 19 % an der Weltwirtschaft (Basis Kaufkraftparität) wirkt sich der Lastwechsel von 3 % Wachstum per 2022 auf mehr als 5 % BIP-Wachstum per 2023 belebend aus. Diese Wirkung ist insbesondere im asiatischen Raum ausgeprägter als in der Weltwirtschaft, denn das größte Freihandelsabkommen RCEP wirkt sich vornehmlich regional aus. Aber auch der Rest der Schwellenländer profitiert von der veränderten Lage in der Weltwirtschaft durch die Ukraine-Krise wegen verbesserter Investitionsbedingungen gegenüber Europa im relativen Vergleich, weil sie überwiegend nicht am westlichen Sanktionsregime teilnehmen. Gleichzeitig setzt sich die Initiative weiter durch, sich stärker von westlichen politischen Einflüssen zu befreien.

Asien zeigt sich insbesondere widerstandsfähig und profitiert aus der geopolitischen und geowirtschaftlichen Konstellation. Die Öffnung Chinas verleiht der asiatischen Region, aber auch der Weltwirtschaft frische Impulse. Grundsätzlich zeigte und zeigen der Sektor der aufstrebenden Länder und der Schwellenländer auch im ersten Quartal 2023 anders als in früheren Krisen eine sehr hohe Widerstandskraft und Stabilität.

Märkte: Versorgungslage, Inflation, Zinspolitik und Geopolitik bleiben bestimmend

Im ersten Quartal 2023 dominierte bis Mitte März moderate Risikobereitschaft vor dem Hintergrund einer global stabilisierten Versorgungslage, der Rückgänge des Inflationsanstiegs, einer weniger aggressiven Zinspolitik seitens der Zentralbanken (Höhe der Zinsschritte) bei weiterer Fokussierung auf Preisstabilität. Geopolitik blieb und bleibt ein ernst zu nehmendes Thema. Festzustellen war und ist ein Gewöhnungsmodus bezüglich des Ukraine-Konflikts. Die US-Regionalbankenproblematik als auch das Credit Suisse Thema werfen zum Ende des Quartals Schatten auf das zweite Quartal 2023.

So verloren Aktienmärkte wesentliche Teile des Terraingewinns des ersten Quartals 2023 (DAX, EUROSTOXX). An den Rentenmärkten kam es nach Renditespitzen zu Rückgängen um circa 0,60% in Europa und den USA. Der EUR behauptete die Terraingewinne der letzten Monate. Edelmetalle profitierten im März von den Renditerückgängen am Kapitalmarkt als auch ermäßigten Zinserwartungen seitens des Marktes insbesondere gegenüber der US-Notenbank im Rahmen der Nervosität bezüglich der Stabilität des Finanzsektors. Energiepreise bewegten sich auf ermäßigten und moderaten Niveaus.

Internationale Strukturveränderungen

Die internationale gesetzesbasierte Ordnung hat auch im ersten Quartal 2023 weiter Schaden genommen. Die gesetzesbasierte Ordnung ist elementarste Grundlage des globalen Wirtschaftsverkehrs als auch der internationalen Politik. Das durch den Westen und seine unilateralen Maßnahmen erodierte Vertrauen in das seit 1944 (Bretton Woods) westlich dominierte System führt zu neuen nicht westlich dominierten Strukturen (u.a. BRICS-Staaten Erweiterung).

Die daraus mittel- und langfristigen Folgen werden nicht nur konjunkturell markant sein. Neue Strukturen werden sich in der Politik, der Finanz- als auch in der Realwirtschaft aus dieser Situation heraus etablieren. Diese Veränderungen werden die Charakteristika einer multilateralen Ordnung sein, die zu Lasten der jetzt dominanten Ordnung gehen.